Die Mehrheit war zum Greifen nah – und ist es doch nicht geworden. Nach Ablauf der Annahmefrist für ihr Übernahmeangebot kommt Unicredit bei der Commerzbank auf 44,37 Prozent der Anteile. Für eine Kontrollmehrheit reicht das nicht, doch der Druck auf Frankfurt wächst spürbar.
Die Mailänder Großbank hatte im Mai ein Aktientauschangebot vorgelegt: 0,485 eigene Aktien je Commerzbank-Papier. Bis zum Fristende am 3. Juli wurde die Offerte für 17,6 Prozent der Anteile angenommen, addiert zum bereits gehaltenen Bestand von 26,77 Prozent ergibt das die aktuelle Quote. Über Kaufoptionen via Total Return Swaps hat Unicredit zudem Zugriff auf weitere 3,22 Prozent – rechnerisch wäre damit ein Anteil von 47,59 Prozent erreichbar. Für den endgültigen Vollzug des Aktientauschs fehlen aber noch behördliche Genehmigungen, allen voran von der EZB-Bankenaufsicht und den EU-Wettbewerbshütern.
Commerzbank zweifelt an den Zahlen
Die Commerzbank um Vorstandschefin Bettina Orlopp zeigt sich zwar offen für Gespräche, hält das Vorgehen der Italiener aber weiterhin für aggressiv. Nach eigenen Informationen des Instituts stammt nur ein Bruchteil der angedienten Aktien – weniger als zwei Prozent – tatsächlich von unabhängigen Profi- und Privatanlegern. Der überwiegende Rest komme von mit Unicredit verbundenen Banken und Parteien, moniert Frankfurt. Auch sei unklar, in welchem Umfang geliehene Aktien angedient wurden. Der Gesamtbetriebsrat hat wegen des Verdachts der Marktmanipulation bereits Strafanzeige gestellt.
Rückendeckung erhält Commerzbank von der Bundesregierung. Ein Sprecher des Finanzministeriums bezeichnete das Vorgehen der Italiener als „inakzeptabel“ und stellte klar, dass der Bund seinen rund zwölfprozentigen Anteil nicht verkaufen werde. Hessens Ministerpräsident Boris Rhein rief derweil beide Seiten zu einem konstruktiven Dialog auf höchster Ebene auf – der Finanzplatz Frankfurt dürfe nicht geschwächt werden.
Machtverhältnisse verschieben sich
Trotz der verpassten Mehrheitsschwelle hätte Unicredit auf der Hauptversammlung wahrscheinlich das Sagen, weil Commerzbanks eigene Aktien nicht stimmberechtigt sind – rechnerisch könnten die Italiener auf bis zu 49,65 Prozent der Stimmrechte kommen. Das ist relevant, weil im Frühjahr 2027 acht von zehn Aufsichtsratsposten neu besetzt werden. Unicredit-Chef Andrea Orcel hatte zuletzt bereits mit einer Ablösung des Commerzbank-Managements gedroht und sieht Sparpotenzial durch den Abbau von 7.000 Stellen sowie eine Ausdünnung des Auslandsnetzes.
Bis zu einer tatsächlichen Übernahme bleibt der Weg weit. Neben der Zustimmung weiterer Commerzbank-Aktionäre braucht Unicredit grünes Licht von EZB und EU-Kommission – ein Prozess, dessen Ausgang auch von der politischen Gemengelage in Berlin abhängen dürfte.
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