Liebe Leserinnen und Leser,
gestern stellte ich die Frage, ob steigende Renditen die europäischen Banken stützen oder die Risikobereitschaft im Gesamtmarkt drücken. Am Mittwoch hat der Markt eine dritte Antwort gegeben: Weder das eine noch das andere dominiert — stattdessen fließt das Geld in Einzelwerte mit konkreten Auslösern. Der DAX schloss am Mittwoch bei 24.737,24 Punkten, ein Plus von 1,38 Prozent, getrieben durch stark fallende Öl- und Gaspreise nach Signalen von US-Präsident Trump über Fortschritte in den Iran-Verhandlungen. Der MDAX legte 0,8 Prozent auf 31.575 Punkte zu. Doch die wirklich relevanten Bewegungen fanden unterhalb der Index-Ebene statt — bei Uniper, Delivery Hero und Sartorius.
Uniper: Vom Staatseigentum zurück an den Markt
Die Uniper-Aktie setzte ihren Lauf vom Vortag fort und gewann am Mittwoch weitere 10,2 Prozent auf 52,90 Euro — ein neues 52-Wochen-Hoch. Der Treiber ist konkret: Die Bundesregierung hat die Reprivatisierung des vor drei Jahren verstaatlichten Energiekonzerns eingeleitet. Gemäß den EU-Auflagen muss der Verkauf bis Ende 2028 abgeschlossen sein, die IPO-Vorbereitungen laufen bereits, ein Börsengang wird ab 2027 angepeilt. Der Bund will seinen Anteil auf maximal 25 Prozent plus eine Aktie reduzieren. Investoren haben bis zum 12. Juni 2026 Zeit, ihr Interesse zu bekunden.
Operativ untermauern die Zahlen das Momentum: Der Gewinn je Aktie vervierfachte sich im ersten Quartal auf 0,80 Euro nach 0,20 Euro im Vorjahr, obwohl der Umsatz um 18,43 Prozent auf 17,34 Milliarden Euro fiel. Für 2026 wird eine Dividende von 0,797 Euro geschätzt. Wer am Dienstag bei 48 Euro einstieg, sitzt nach zwei Handelstagen auf einem Kursgewinn von über 10 Prozent. Die Frage ist jetzt, ob die Privatisierungsfantasie den Kurs weiter trägt oder ob nach dem doppelten Tagessprung eine Konsolidierung fällig wird.
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Sartorius und Delivery Hero: Zwei Setups, zwei Logiken
Im MedTech-Sektor rückt Sartorius (Vorzugsaktie, WKN: 716563) wieder in den Fokus. Das Papier notierte am Mittwoch bei 224,80 Euro, ein Plus von 3,0 Prozent — nach einem Rückgang von 16 Prozent seit dem Jahreshoch von 265 Euro im Januar. Der Auslöser: Finanzinvestor Elliott hat sich beim Großaktionär Bio-Rad Laboratories eingekauft. Anleger positionieren sich für mögliche strategische Veränderungen und spekulieren auf eine Neubewertung des Göttinger Unternehmens. Elliott ist nicht dafür bekannt, stille Beteiligungen zu pflegen.
Ganz anders die Dynamik bei Delivery Hero. Die Aktie verzeichnete am Mittwoch den achten Gewinntag in Folge und stieg auf 32,28 Euro — ein Plus von 23,05 Prozent seit Jahresbeginn. Die Treiber sind vielfältig: Uber hat seine Beteiligung erhöht und ist nun größter Aktionär, Morgan Stanley meldete eine Änderung der Gesamtstimmrechte auf 4,99 Prozent. In Italien wurde die Tochtergesellschaft Glovo unter gerichtliche Aufsicht gestellt und verpflichtet, Arbeitsbedingungen und Vergütung ihrer Zusteller deutlich zu verbessern — ein regulatorisches Risiko, das der Markt offenbar als beherrschbar einstuft. Barclays hob das Kursziel auf 39,10 Euro an und bestätigte das Rating „Overweight“. Zwischen aktuellem Kurs und Kursziel liegen noch gut 20 Prozent.
BASF: Sparkurs mit Ansage
Bei den Blue Chips setzt BASF ein Signal. Vorstandschef Markus Kamieth kündigte das Programm „CoreShift“ an, geleitet von Julia Raquet. Bis 2029 sollen die Netto-Fixkosten im Kerngeschäft um bis zu 20 Prozent gegenüber dem Basisjahr 2024 sinken. Kamieth nannte es ein „neues Betriebssystem für den Konzern“ und bestätigte, dass das Programm zu weiteren Stellenstreichungen führen wird. Die Richtung ist klar: BASF will sich gesundschrumpfen, bevor der nächste Zyklus kommt. Für Trader ist die Aktie damit ein Restrukturierungsplay — mit allen Chancen und Risiken, die das mit sich bringt.
Fed-Protokoll, Target-Überraschung und Bitcoin in der Schwebe
Jenseits des Atlantiks richtet sich der Blick am Mittwochabend auf zwei Ereignisse: das FOMC-Sitzungsprotokoll — das erste unter dem neuen Fed-Vorsitzenden Kevin Warsh — und die nachbörslichen Nvidia-Quartalszahlen. Bei der Fed liegen die Zinsen bei 3,50 bis 3,75 Prozent, doch die anhaltende Inflation (CPI im April bei 3,8 Prozent) und ein robuster Arbeitsmarkt (115.000 neue Stellen) haben die Zinssenkungserwartungen praktisch eliminiert. Die Abstimmung zur Zinspause fiel mit 8 zu 4 Stimmen so gespalten aus wie seit Oktober 1992 nicht mehr.
Starke Signale lieferte der US-Einzelhandel: Target übertraf mit einem Q1-Gewinn je Aktie von 1,71 US-Dollar die Konsensschätzung von 1,46 US-Dollar deutlich. Der Umsatz lag bei 25,44 Milliarden Dollar, ein Plus von 6,7 Prozent. Die Jahresprognose für das Umsatzwachstum wurde auf rund 4 Prozent verdoppelt.
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Bitcoin notiert bei rund 77.482 US-Dollar und bleibt damit in der Spanne, die sich in den letzten Tagen etabliert hat. Die Krypto-ETFs verzeichneten im April noch Nettozuflüsse von 2 Milliarden US-Dollar, doch im Mai kehrte sich das Bild: Steigende Treasury-Renditen lösten innerhalb einer Woche Abflüsse von 1 Milliarde US-Dollar aus. Zusätzlichen Druck erzeugte Trump mit der Androhung von 10-Prozent-Zöllen auf acht europäische Länder, falls kein Deal zum „Kauf Grönlands“ zustande komme — was zu Liquidationen in Millionenhöhe führte. Die Zone um 76.000 Dollar bleibt die entscheidende Unterstützung.
Was jetzt zählt
Die kommenden Handelstage werden davon geprägt sein, wie der Markt die Nvidia-Zahlen und den geldpolitischen Tonfall der Fed verarbeitet. Doch die eigentliche Botschaft dieses Mittwochs liegt woanders: Uniper plus 10 Prozent an einem Tag, Delivery Hero mit acht Gewinntagen in Folge, Sartorius mit einem aktivistischen Investor im Hintergrund. Wer sich ausschließlich auf die großen Indizes konzentriert, verpasst gerade die besten Setups der Woche. Gezieltes Stock-Picking schlägt in diesem Marktumfeld die reine Indexwette — nicht als Theorie, sondern als Fakt.
Herzlichst, Ihr Andreas Sommer


