Die Renditen von Staatsanleihen steigen weltweit auf Niveaus, die Anleger seit über zwei Jahrzehnten nicht mehr gesehen haben. Verantwortlich dafür ist das Zusammenspiel aus hartnäckigem Inflationsdruck durch hohe Energiepreise, weiteren Zinsschritten der Notenbanken und einer gewaltigen Flut an neuen Schuldtiteln. Die Hoffnung vieler Marktbeobachter auf eine baldige Entspannung am Rentenmarkt erweist sich vorerst als verfrüht.
An den US-Märkten erreichte die Rendite zehnjähriger Staatsanleihen zuletzt 5,34 Prozent. Das markiert den höchsten Stand seit dem Jahr 2002. Bei den Papieren mit 30-jähriger Laufzeit kletterte der Satz zeitweise auf 5,70 Prozent.
Falsche Zinserwartungen und teures Rohöl
Viele Rentenstrategen hatten über Monate hinweg sinkende Sätze prognostiziert. Diese Annahme basierte auf der Erwartung, dass die Federal Reserve ihren Zinserhöhungskurs bald beenden oder abmildern würde. Die wirtschaftliche Realität verlief anders. Die US-Wirtschaft wuchs im zweiten Quartal auf das Jahr hochgerechnet um robuste 2,2 Prozent und zeigte sich damit widerstandsfähiger als gedacht.
Gleichzeitig heizt der Krieg mit dem Iran die Energiekosten an. Die Nordseesorte Brent notiert wieder über der Marke von 100 Dollar je Barrel. Das schürt Sorgen vor einer neuen Inflationswelle. Händler preisen an den Terminmärkten zwar eine Zinspause der US-Notenbank für die laufende Sitzung ein, rechnen für den Dezember jedoch fest mit einem weiteren Zinsschritt.
Der Verkaufsdruck an den Anleihemärkten zieht auch andere Anlageklassen in Mitleidenschaft. An der Wall Street gaben die Index-Futures am Mittwoch nach, nachdem steigende Finanzierungskosten die jüngste Rekordjagd bei Technologiewerten bremsten.
Hohe Schuldenaufnahme verstärkt den Druck
Zusätzliche Belastung entsteht durch das enorme Angebot an neuen Papieren. Staaten müssen wachsende Haushaltsdefizite finanzieren, während gleichzeitig große Technologieunternehmen Milliardensummen am Kapitalmarkt aufnehmen, um den Ausbau von künstlicher Intelligenz zu stemmen.
In Europa zeigt sich ein ähnliches Bild der Nervosität. Während deutsches Kapital als sicherer Hafen gesucht bleibt, gerieten französische Staatspapiere wegen Zweifeln an der Haushaltsdisziplin unter Verkaufsdruck. Der Renditeabstand zwischen zehnjährigen französischen und deutschen Anleihen weitete sich zeitweise auf rund 160 Basispunkte aus.
Am Mittwochabend richtet sich der Blick der Marktteilnehmer auf das Protokoll der jüngsten Fed-Sitzung. Die Veröffentlichung dürfte offenlegen, wie entschlossen die US-Währungshüter angesichts des anhaltenden Preisdrucks an weiteren Zinsanhebungen festhalten wollen.


