Ein Gesetzentwurf aus Washington wirbelt den globalen Autosektor auf. Der Motor Vehicle Modernization Act of 2026 will Herstellern mit chinesischer Staatsbeteiligung den Zugang zum US-Markt verwehren. Mercedes-Benz trifft das überraschend direkt — und die Schockwellen reichen bis zu Geely, XPeng und Tesla. Gleichzeitig baut Deutz seine Transformation still, aber wirkungsvoll weiter aus. Fünf Auto-Aktien, fünf grundverschiedene Geschichten.
Mercedes-Benz: Chinesische Großaktionäre als Achillesferse
Der Gesetzentwurf zielt auf Autohersteller, an denen eine „ausländische gegnerische Regierung“ direkt oder indirekt beteiligt ist. Für Mercedes-Benz wird das konkret: Der staatliche chinesische Autobauer BAIC hält 9,98 % der Anteile. Geely-Gründer Li Shufu kontrolliert über seine Tenaciou3 Prospect Investment weitere 9,69 %. Zusammen kommen die chinesischen Beteiligungen auf fast 20 % — ein Wert, der je nach Auslegung des Gesetzes ausreichen könnte, um Mercedes-Benz den Import, Verkauf und sogar die Produktion in den USA zu untersagen.
Die operative Dimension ist erheblich. Allein im Werk Tuscaloosa, Alabama, hat Mercedes seit 1997 mehr als fünf Millionen Fahrzeuge gefertigt. Hinzu kommt eine Transporter-Fabrik in South Carolina. Über 10.000 Arbeitsplätze hängen an den US-Standorten.
Wichtig zur Einordnung: Das Gesetz hat bislang nur einen Ausschuss im Repräsentantenhaus passiert. Im Senat existiert kein Pendant, substanzielle Änderungen sind wahrscheinlich. Ein Verbot steht nicht unmittelbar bevor. Die Verunsicherung belastet den Kurs trotzdem — bei 51,58 € notiert die Aktie rund 17 % unter ihrem Jahreshoch.
Die Q1-Zahlen fielen solide aus. Der Gewinn je Aktie von 1,49 € übertraf die Erwartungen um knapp 7 %, der Umsatz von 31,6 Milliarden Euro verfehlte die Prognosen leicht. Für das Gesamtjahr bestätigt das Management die Guidance: Umsatz auf Vorjahresniveau, operativer Gewinn deutlich darüber. 32 Analysten sehen im Konsens ein Kursziel von rund 60 Euro — ein Aufwärtspotenzial von gut 20 %.
Tesla: SpaceX-Fusion überschattet das Tagesgeschäft
Ende Mai machten Berichte die Runde, Tesla und SpaceX prüften eine Fusion. Wedbush-Analyst Dan Ives beziffert die Wahrscheinlichkeit auf 80 bis 90 Prozent bis Anfang 2027. Prognosemärkte sind deutlich zurückhaltender — auf Kalshi liegt die Quote bei gerade einmal 33 %.
Für die meisten Tesla-Investoren kommt der Zeitpunkt denkbar ungünstig. 2026 soll die kommerzielle Produktion des Optimus-Roboters und des Tesla Semi anlaufen, 2027 der Robotaxi-Betrieb skalieren. Eine Verschmelzung mit SpaceX würde die Aufmerksamkeit von genau diesen Meilensteinen ablenken.
Ein gemeinsames Mega-Projekt existiert allerdings bereits: Terafab, eine Chipfabrik von Tesla, SpaceX und xAI. Ursprünglich auf 25 Milliarden Dollar veranschlagt, beziffert SpaceX die erste Ausbaustufe inzwischen auf 55 Milliarden — der vollständige Ausbau könnte 119 Milliarden Dollar verschlingen.
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Die Fundamentaldaten zeigen ein gemischtes Bild:
- Q1-Gewinn je Aktie: 0,41 Dollar (14 % über den Erwartungen)
- Umsatz: 22,4 Milliarden Dollar
- Automobilmarge: 19,2 %, Energiespeicher-Marge auf Rekordhoch bei 39,5 %
- Geplante Investitionen 2026: über 25 Milliarden Dollar
Bei 361 € steht die Aktie heute 3,4 % im Minus. Der RSI von 22 signalisiert eine kurzfristig überverkaufte Situation. SpaceX soll in rund zwei Wochen an der Nasdaq debütieren — das dürfte die Fusionsdebatte erneut anfachen.
XPeng: Fünfter Monat mit Rückgang — aber der GX weckt Hoffnung
32.158 ausgelieferte Fahrzeuge meldete XPeng im Mai. Das bedeutet: ein Plus von knapp 4 % gegenüber April, aber der fünfte Monat in Folge mit sinkenden Zahlen im Jahresvergleich. Kumuliert liegen die Auslieferungen von Januar bis Mai bei 125.851 Einheiten — ein Minus von fast 23 % gegenüber dem Vorjahr.
Der Hoffnungsträger heißt GX. Seit dem 20. Mai ist das neue Flaggschiff-SUV bestellbar, die Serienauslieferungen starten im Juni. Innerhalb der ersten zwölf Stunden gingen über 24.800 verbindliche Bestellungen ein. Die Flaggschiff-Ausstattung „Ultra“ macht dabei mehr als 80 % der Reservierungen aus. Mit einem zeitlich begrenzten Einstiegspreis von 269.800 Yuan (rund 40.000 Dollar) zielt XPeng auf kaufkräftige Familienkunden.
Im ersten Quartal fiel der Umsatz um 17,6 % auf 13 Milliarden Yuan. Die Bruttomarge verbesserte sich hingegen deutlich auf 20,6 % — fünf Prozentpunkte mehr als vor einem Jahr. Für das zweite Quartal erwartet das Unternehmen einen kräftigen Rebound: 100.000 bis 106.000 Auslieferungen und Erlöse zwischen 19,6 und 20,8 Milliarden Yuan.
Ein weiterer Meilenstein: XPeng hat die Massenproduktion eines werkseitig verbauten Level-4-Robotaxi-Systems gestartet — nach eigener Darstellung das erste dieser Art eines chinesischen Autoherstellers. Deutsche-Bank-Analysten beziffern die Gesamtbestellungen im Mai auf rund 50.000 Einheiten. Die Aktie legte heute knapp 6 % auf 14,92 € zu.
Deutz AG: Neuer Vorstandsposten, volle Auftragsbücher
Der Kölner Motorenbauer liefert derzeit das, was Investoren am meisten schätzen: stetig positive Überraschungen. Im ersten Quartal stiegen die Auftragseingänge um 41 % auf 771 Millionen Euro. Ein Teil des Zuwachses geht auf die erstmalige Konsolidierung von Frerk Aggregatebau zurück, einem Spezialisten für Notstromaggregate. Der Umsatz kletterte auf 530 Millionen Euro, das bereinigte EBIT auf 37,3 Millionen Euro — eine Marge von 7,0 %. Unter dem Strich standen 21,8 Millionen Euro Gewinn.
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Ab heute, dem 1. Juni, verstärkt Katharina Krüger als Chief Transformation Officer den Vorstand. Die neu geschaffene Position unterstreicht die strategische Neuausrichtung: Deutz organisiert sich künftig in fünf Säulen — Services, Engines, NewTech, Energy und Defense. Im Rüstungssegment plant das Unternehmen auf der Eurosatory in Paris diesen Sommer ein 800-Kilowatt-Powerpack für schwere Militärfahrzeuge vorzustellen. Langfristiges Ziel: Verteidigung soll 10 % eines angestrebten Konzernumsatzes von vier Milliarden Euro beitragen.
Analysten honorieren den Kurs. Berenberg hob das Kursziel auf 13 Euro an, DZ Bank sieht einen fairen Wert von 11,60 Euro. Der Konsens liegt bei 12,20 Euro — alle fünf beobachtenden Analysten empfehlen den Kauf. Bei 10,21 € notiert die Aktie rund 18 % über dem Vorjahreswert, hat aber seit dem Februarhoch von 12,46 € nachgegeben. Auch im Kostenmanagement liefert Deutz: Ein abgeschlossenes Sparprogramm brachte allein im Motorensegment über 40 Millionen Euro an Einsparungen.
Geely: Preiskampf mit Chinas meistverkauftem Elektroauto
Während Mercedes-Benz durch die chinesischen Beteiligungen in den Fokus der US-Politik gerät, verfolgt Geely-Gründer Li Shufu eine ganz andere Agenda. Der Konzern hat sein Bestseller-Modell Xingyuan aufgefrischt — und den Preis gesenkt.
Ab sofort startet der kompakte Stromer bei 61.800 Yuan, umgerechnet knapp 9.130 Dollar. Das sind 6 % weniger als beim Vorgänger vom Oktober 2025. Die Reichweite wurde auf bis zu 480 Kilometer ausgebaut, CATL-Zellen sind nun serienmäßig in allen Varianten verbaut. Die Schnellladefähigkeit ist ebenfalls gestiegen: Von 30 auf 80 Prozent lädt der Xingyuan in nur 19 Minuten.
Das Modell war 2025 der meistverkaufte Elektrowagen in China. Im April hielt es die Spitzenposition mit 34.727 Einheiten — vor Xiaomis SU7 und dem Tesla Model Y. Die kumulierten Verkaufszahlen der ersten vier Monate lagen allerdings 2,6 % unter dem Vorjahr. Der verschärfte Preiswettbewerb zwingt selbst den Marktführer zum Handeln.
International plant Geely die Expansion auf fünf Kontinente. Der Xingyuan soll 2026 als EX2 in Europa, Großbritannien und Südostasien starten — allerdings drohen europäische Zölle auf chinesische Elektroautos als Gegenwind. Die Aktie notiert bei 2,07 € und liegt damit deutlich unter dem 50-Tage-Durchschnitt. Analysten sind dennoch optimistisch: 29 von 29 empfehlen den Kauf, kein einziger rät zum Verkauf.
Fünf Aktien, ein Spannungsfeld — der Ausblick
Das US-Gesetz offenbart eine strukturelle Verflechtung, die den gesamten Sektor durchzieht. Mercedes-Benz und Geely sind über Li Shufus Beteiligung direkt miteinander verknüpft. Ein Anteilseigner, zwei Aktien, derselbe regulatorische Brennpunkt.
Im chinesischen EV-Markt zeichnet sich eine Zweiklassen-Strategie ab: Geelys Xingyuan für unter 10.000 Dollar am unteren Ende, XPengs GX für rund 40.000 Dollar am oberen. Tesla fiel unterdessen in China bei den April-Absätzen hinter BYD, Geely und Chery zurück. Deutz operiert bewusst abseits der Elektro-Narrative und setzt auf Energieinfrastruktur und Rüstung — mit wachsendem Analysten-Zuspruch.
Für die kommenden Wochen gibt es klare Wegmarken: der legislative Fortgang in Washington für Mercedes-Benz, die Juni-Auslieferungszahlen für XPeng, der SpaceX-Börsengang als Katalysator für Tesla, die Eurosatory für Deutz und die europäischen Zollentscheidungen für Geely. Selten war ein einzelner Sektor so vielschichtig aufgestellt.
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