Ein Waffenstillstand, der die Welt verändert — zumindest vorerst. Die Einigung zwischen den USA und Iran auf einen Friedensrahmen hat an den Finanzmärkten eine Welle der Erleichterung ausgelöst. Öl verbilligte sich um mehr als vier Prozent, der Dollar rutschte auf ein Zehn-Tage-Tief, und Risikowährungen wie der australische Dollar legten spürbar zu. Doch hinter der Erleichterungsrally lauern erhebliche Unsicherheiten.
Öl fällt, Risikofreude steigt
Brent-Rohöl fiel am Montag auf rund 83,82 US-Dollar je Barrel. Der US-Dollarindex sank um 0,31 Prozent auf 99,49 Punkte — den schwächsten Stand seit dem 5. Juni. Der Euro kletterte auf 1,1607 Dollar, das Pfund Sterling auf 1,3448 Dollar. Besonders gefragt waren Risikowährungen: Der australische Dollar gewann 0,5 Prozent auf 0,7075 Dollar.
Doch wie nachhaltig ist diese Bewegung? Analysten mahnen zur Vorsicht. „Es wird viel Abwarten geben, wie schnell die Straße von Hormuz tatsächlich wieder geöffnet wird und wie lange es dauert, bis der Ölfluss wieder normal ist. Es werden eher Monate als Wochen sein“, sagte Nick Twidale, Chefmarktstratege bei ATFX Global in Sydney. Kristina Clifton von der Commonwealth Bank of Australia ergänzte, Energiepreise würden noch geraume Zeit nicht auf das Niveau vor dem Konflikt zurückfallen — zu groß seien die Schäden an der Infrastruktur.
Trumps Ankündigung auf Truth Social, die Straße von Hormuz „mautfrei“ zu öffnen und die US-Marineblockade sofort aufzuheben, klingt dramatisch. Die formelle Unterzeichnung des Abkommens ist allerdings erst für den 19. Juni in der Schweiz geplant. Und Trump ließ keinen Zweifel daran, dass er bei Scheitern eines endgültigen Nuklearabkommens militärische Optionen in Betracht zieht — eine Botschaft, die Märkte nicht gänzlich ignorieren können.
Zentralbanken bleiben auf Kurs
Interessant ist, wie wenig der Friedensdeal die geldpolitischen Pläne der großen Zentralbanken zu verschieben scheint. Die Bank of Japan (BOJ) wird morgen, Dienstag, ihren Leitzins voraussichtlich um 25 Basispunkte auf 1,0 Prozent anheben — den höchsten Stand seit 1995. Seisaku Kameda, ehemaliger Chefvolkswirt der BOJ, ist klar: „Das wird die Pläne der Bank of Japan nicht verändern, in diesem Jahr zwei Zinserhöhungen durchzuführen.“
Die Logik dahinter ist einleuchtend. Japan leidet unter einem schwachen Yen, der die Importpreise treibt, und unter produzentenseitigem Inflationsdruck, der sich zunehmend auf Verbraucherpreise überträgt. Der USD/JPY-Kurs pendelt weiter um die 160-Yen-Marke — jene psychologische Schwelle, an der Tokio in der Vergangenheit mit Devisenmarktinterventionen reagiert hat. Eine etwas entspanntere Energiepreislage mag etwas Druck vom Kessel nehmen, ändert aber nichts an der strukturellen Ausrichtung der BOJ.
Ähnlich die Lage in Australien. Die Reserve Bank of Australia (RBA) dürfte bei ihrer Sitzung am Dienstag den Leitzins bei 4,35 Prozent belassen — nach drei Erhöhungen seit Anfang 2026. Die Inflationsrate liegt hartnäckig über dem Zielband von 2 bis 3 Prozent, während die Konjunktur schwächelt, die Arbeitslosigkeit gestiegen ist und der private Konsum lahmt. Westpac rechnet trotz der Pause mit zwei weiteren Anhebungen im August und September. Die geringfügige Erholung des australischen Dollars im Zuge des Iran-Deals dürfte an dieser Einschätzung wenig ändern.
Taiwan wiederum steht vor einem anderen Dilemma. Die dortige Zentralbank wird ihren Leitzins bei 2,0 Prozent belassen, erwartet von 27 der 30 befragten Volkswirte einer Reuters-Umfrage. Das Land profitiert massiv vom KI-Boom — TSMC und andere Chipkonzerne treiben ein erwartetes Wirtschaftswachstum von 9,64 Prozent in diesem Jahr. Die Kehrseite: Die Inflation stieg im Mai auf 2,2 Prozent, den höchsten Wert seit über einem Jahr. Sollte die Straße von Hormuz nicht zügig wieder voll in Betrieb gehen, könnte sich der Ton der Zentralbank rasch verändern.
G7 in Evian — Diplomatie unter Druck
Während Märkte und Notenbanken die Folgen des Iran-Deals verarbeiten, treffen sich die Staats- und Regierungschefs der G7 im französischen Kurort Evian-les-Bains. Bekannt vor allem durch das gleichnamige Mineralwasser und als Ort der Unterzeichnung der Algerien-Friedensverträge 1962, empfängt das Städtchen am Genfer See nun die mächtigsten Demokratien der Welt.
Die Agenda ist voll. Ukraine, Iran, globale Wirtschaftsungleichgewichte, Künstliche Intelligenz — und die grundsätzliche Frage, was der G7 in einer Welt bedeutet, in der multilaterale Institutionen unter Druck stehen. Frankreich fasst die wirtschaftlichen Schieflangen prägnant zusammen: China produziert zu viel, die USA konsumieren zu viel, Europa investiert zu wenig. Ohne China am Tisch sind Durchbrüche nicht zu erwarten. Paris wertet es bereits als Erfolg, wenn das Problem offen anerkannt wird.
Beim Thema Iran werden die G7-Führer Details des Rahmenabkommens einfordern — und insbesondere Klarheit darüber, wie schnell die Straße von Hormuz für den normalen Schiffsverkehr nutzbar wird. Trump erklärte, sie werde am Freitag wiedereröffnet. Wie realistisch dieser Zeitplan angesichts beschädigter Infrastruktur ist, bleibt abzuwarten.
Vorsichtiger Optimismus
Die Botschaft der Märkte an diesem Montag ist eindeutig: Die Welt atmet auf. S&P-500-Futures stiegen um rund 0,8 Prozent, der Nikkei 225 und der TOPIX standen kurz vor dem Gipfeltreffen auf Rekordniveau. „Es ist kein Risiko mehr, das über dem Markt schwebt“, fasste Jason Wong von BNZ in Wellington zusammen.
Ob dieser Optimismus Bestand hat, hängt von wenigen Fragen ab: Hält das Abkommen? Öffnet sich die Straße von Hormuz schnell genug, um Energiepreise dauerhaft zu senken? Und gelingt der G7 in Evian mehr als ein wohlklingendes Communiqué? Die Antworten darauf werden die Märkte in den nächsten Wochen beschäftigen — mehr als der erste Freudentag.
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