Die Wall Street steht unter Verkaufsdruck, nachdem neue Konjunkturdaten eine beunruhigende Kombination aus schwächerem Wachstum und hartnäckiger Inflation offenbarten. Das US-Bruttoinlandsprodukt wuchs im vierten Quartal nur um 1,4 Prozent – deutlich unter den erwarteten 3,0 Prozent. Gleichzeitig kletterte der Preisauftrieb im Dezember stärker als prognostiziert. Diese toxische Mischung setzt nicht nur Aktien, sondern auch die geldpolitischen Hoffnungen der Anleger unter Druck.
„Eine Kombination aus etwas schwächerem Wachstum als erwartet und etwas höherer Inflation – das ist generell keine gute Mischung für den Aktienmarkt“, kommentierte Steve Wyett, Chef-Investmentstratege bei BOK Financial. Die Futures der großen US-Indizes gaben am Freitag nach: Der S&P 500 verlor im vorbörslichen Handel 0,28 Prozent, der Nasdaq 100 büßte 0,43 Prozent ein.
Inflationsdruck bleibt Fed-Dilemma
Der Personal Consumption Expenditure Index, das bevorzugte Inflationsmaß der Federal Reserve, stieg im Dezember um 0,4 Prozent gegenüber dem Vormonat – mehr als die erwarteten 0,3 Prozent. Für Januar deuten weitere Daten auf eine Beschleunigung hin. Dennoch hielten Händler an ihren Wetten fest, dass die Fed im Juni ihren nächsten Zinssenkungsschritt vollziehen wird.
Ökonomen von BofA Securities prognostizieren zwei Zinssenkungen für 2026, im Juni und Juli – warnen jedoch gleichzeitig, dass diese Schritte eigentlich nicht gerechtfertigt seien. Die jüngsten Daten, darunter eine sinkende Arbeitslosenquote und steigende Inflation, „stellen den Fall für Zinssenkungen infrage“, heißt es in einer Kundenmitteilung der Bank. Kevin Warsh, Donald Trumps Kandidat für den Fed-Vorsitz, könnte allerdings mit genügend Stimmen im Offenmarktausschuss „ein paar“ Senkungen durchdrücken.
Handelspolitik als globaler Unsicherheitsfaktor
Während die US-Konjunktur schwächelt, dominiert ein anderes Thema die Schlagzeilen: Trumps aggressive Handelspolitik. Über 175 Milliarden Dollar an Zolleinnahmen könnten zurückgezahlt werden müssen, sollte der Oberste Gerichtshof gegen die auf dem International Emergency Economic Powers Act basierenden Zölle entscheiden. Penn-Wharton-Ökonomen schätzten das Risiko anhand von Importdaten über rund 11.000 Produktkategorien aus 233 Ländern.
Die politische Brisanz ist enorm: 175 Milliarden Dollar übersteigen die kombinierten Haushaltsausgaben des Verkehrs- und des Justizministeriums. Finanzminister Scott Bessent zeigte sich gelassen und versicherte, das Finanzministerium könne etwaige Rückzahlungen problemlos stemmen. Die Treasury plant mit hohen Kassenbeständen von 850 Milliarden Dollar Ende März und 900 Milliarden Ende Juni.
Doch Trump lässt sich davon nicht beirren. Jüngst schloss Washington ein umfassendes Handelsabkommen mit Indonesien, das die US-Zölle von 32 auf 19 Prozent senkt. Im Gegenzug verpflichtete sich Jakarta zu Warenkäufen im Wert von bis zu 38,4 Milliarden Dollar, darunter 15 Milliarden für US-Energieprodukte. Zudem muss Indonesien über 99 Prozent der US-Importe von Zöllen befreien und mindestens 10 Milliarden Dollar in US-Projekte investieren – von Infrastruktur bis zu blauem Ammoniak.
Besonders brisant: Indonesien muss künftig Washington informieren, bevor es digitale Handelsabkommen mit Drittstaaten eingeht, die US-Interessen gefährden könnten. Jakarta soll auch Maßnahmen mit „gleichwertiger restriktiver Wirkung“ ergreifen, wenn die USA aus nationalen Sicherheitsgründen Handelsbeschränkungen gegen Drittländer verhängen.
Internationale Märkte zeigen gemischtes Bild
Während die USA mit Wachstumsschwäche kämpfen, präsentiert sich Großbritannien unerwartet robust. Der private Sektor expandierte im Februar so schnell wie seit 22 Monaten nicht mehr – der zusammengesetzte PMI-Index kletterte auf 53,9. Besonders die Industrie überraschte mit einem Produktionsindex von 53,6, dem höchsten Wert seit 17 Monaten. Exportaufträge stiegen so stark wie seit viereinhalb Jahren nicht, getrieben von Nachfrage aus den USA, Europa und Asien.
„Diese Daten sind konsistent mit einem BIP-Wachstum von etwas über 0,3 Prozent im ersten Quartal“, erklärte Chris Williamson von S&P Global Market Intelligence. Zugleich verbuchte die britische Regierung im Januar mit einem Überschuss von 30,4 Milliarden Pfund den höchsten Wert seit Beginn der Aufzeichnungen 1993 – ein willkommenes Polster für Finanzministerin Rachel Reeves vor ihrer Frühjahrsrede am 3. März.
In Indien hingegen signalisiert die Zentralbank das vorläufige Ende ihres Zinssenkungszyklus. Nach 125 Basispunkten Lockerung im vergangenen Jahr sehen die meisten Mitglieder des geldpolitischen Ausschusses die aktuellen Zinsen als angemessen an. „Nach dem gegenwärtigen Stand der Wirtschaft – lebhaftes Wachstum und moderate Inflation – halte ich den aktuellen Leitzins für angemessen“, betonte Gouverneur Sanjay Malhotra. Mit prognostizierten 6,8 bis 7,2 Prozent Wachstum und einer Inflation von nur 2,75 Prozent im Januar sieht die Reserve Bank of India wenig Spielraum für weitere Lockerungen.
Politische Turbulenzen ohne Marktbeben
Ein bemerkenswertes Gegenbeispiel für Stabilität trotz politischer Wirren liefert Peru. Der Kongress setzte Präsident Jose Jeri nach nur vier Monaten im Amt wegen eines Korruptionsskandals ab – der siebte Regierungschef in weniger als einem Jahrzehnt. Sein Nachfolger, der 83-jährige José Balcazar, versprach „unbestreitbare“ Wahlen am 12. April und schwor, nicht mit der Wirtschaftspolitik zu „experimentieren“.
Die Finanzmärkte blieben gelassen. Perus 2060-Staatsanleihe fiel nur leicht auf 56 Cent pro Dollar, während die 2032-Bonds stabil blieben. „Portfolio-Investoren sind gegenüber Perus politischem Drama desensibilisiert worden“, analysierte Eileen Gavin von Verisk Maplecroft. Die auf Bergbau fokussierte Wirtschaft und eine glaubwürdige Zentralbank isolierten die Märkte effektiv vom politischen Chaos.
Sektoren unter Druck
Zurück in den USA leiden besonders Technologiewerte unter der Kombination aus hohen Bewertungen und zweifelhaften KI-Renditen. Private-Equity-Firmen gerieten unter Verkaufsdruck, nachdem Blue Owl Capital um 5,9 Prozent abgestürzt war – das Unternehmen hatte Kapital aus einem kleinen Schuldenfonds zurückgezahlt und Rücknahmen dauerhaft gestoppt. KKR und Apollo Global Management verloren jeweils rund ein Prozent.
Auch der Energiesektor kam unter Druck. Ölpreise fielen von Sechs-Monats-Hochs, nachdem Trump Iran mit „wirklich schlimmen Dingen“ drohte, sollte Teheran kein Atomabkommen schließen. Exxon Mobil und Chevron gaben nach.
Akamai Technologies brach um 7,4 Prozent ein nach einer enttäuschenden Gewinnprognose. Copart verlor sogar 10,1 Prozent, nachdem der Online-Fahrzeugauktionator rückläufige Quartalszahlen präsentierte.
Das Fazit: Schwaches Wachstum, hartnäckige Inflation und geopolitische Unsicherheit – die Gemengelage bleibt toxisch für risikobehaftete Anlagen.


