US-Wirtschaft trotzt allen Krisen

Die US-Wirtschaft zeigt robuste Einzelhandelsumsätze, doch eine tiefe Spaltung zwischen wohlhabenden und einkommensschwachen Haushalten stellt die Federal Reserve vor ein komplexes Dilemma.

US-Wirtschaft trotzt allen Krisen
Kurz & knapp:
  • Überraschend starker Anstieg der Einzelhandelsumsätze
  • K-förmige Erholung vertieft soziale Kluft
  • Fed-Unabhängigkeit unter politischem Druck
  • Globale Märkte erreichen neue Rekordstände

Die amerikanische Wirtschaft präsentiert sich überraschend robust – und spaltet gleichzeitig die Nation. Während wohlhabende Haushalte kräftig konsumieren, kämpfen Geringverdiener mit steigenden Preisen. Diese Zweiteilung zieht sich durch nahezu alle aktuellen Wirtschaftsdaten und stellt die Federal Reserve vor ein Dilemma: Wie soll man eine Volkswirtschaft steuern, die gleichzeitig boomt und strauchelt?

Einzelhandelsumsätze überraschen positiv

Die US-Einzelhandelsumsätze stiegen im November um 0,6% und übertrafen damit die Erwartungen von 0,4% deutlich. Verantwortlich für den Anstieg waren vor allem wieder anziehende Autoverkäufe nach dem Auslaufen von Steuervergünstigungen für Elektrofahrzeuge im Oktober. Doch auch in anderen Bereichen zeigten sich Verbraucher spendabel: Baumärkte verzeichneten ein Plus von 1,3%, während Sportartikel- und Hobbyhändler sogar um 1,9% zulegten.

Die sogenannten Kerneinzelhandelsumsätze – die engste Annäherung an die Konsumausgaben im Bruttoinlandsprodukt – kletterten um 0,4%. Das deutet auf eine anhaltend starke Wirtschaftsleistung im vierten Quartal hin. Die Atlanta Fed prognostiziert aktuell ein BIP-Wachstum von 5,3% auf Jahresbasis für die letzten drei Monate 2025.

Die K-förmige Erholung wird zur Realität

Doch hinter den glänzenden Zahlen verbirgt sich eine beunruhigende Entwicklung. Bank of America Securities spricht von einer ausgeprägten „K-förmigen“ Ausgabenstruktur: Während vermögende Haushalte weiter konsumieren, ziehen sich einkommensschwache Verbraucher zunehmend zurück. Ein Restaurantbesitzer aus Montana, zitiert im Beige Book der Fed, brachte es auf den Punkt: „Wohlhabendere Kunden scheinen nach wie vor auszugehen und häufig zu essen, während Verbraucher mit niedrigerem Einkommen sich definitiv zurückhalten, seltener auswärts essen oder preissensibler sind.“

Diese Kluft zeigt sich besonders drastisch im Cleveland Fed-Distrikt: 70% der Geringverdiener berichteten von höheren Ausgaben, während die Hälfte angab, dass ihr Einkommen die Kosten nicht mehr deckt. Im Minneapolis Fed-Distrikt erlebten Geschäfte von Einwanderern – insbesondere in der Gastronomie – deutliche Umsatzeinbußen, da die Kundschaft aus Angst vor verschärften Immigrationskontrollen wegblieb.

Präsident Donald Trump reagierte mit einer Flut von Vorschlägen zur Senkung der Lebenshaltungskosten: Der Kauf von Hypothekenanleihen im Wert von 200 Milliarden Dollar, ein Verbot für institutionelle Investoren beim Erwerb von Einfamilienhäusern und eine einjährige Obergrenze von 10% für Kreditkartenzinsen. Banken warnten allerdings, dass Letzteres den Kreditzugang einschränken würde.

Fed zwischen allen Stühlen

Die Zentralbank steht vor einer komplexen Gemengelage. Nach drei Zinssenkungen um insgesamt 0,75 Prozentpunkte im vergangenen Jahr signalisierten Fed-Vertreter im Dezember, die Leitzinsen vorerst in der aktuellen Spanne von 3,50% bis 3,75% belassen zu wollen. Das Beige Book der Fed zeichnete ein leicht verbessertes Bild der Wirtschaft: Acht von zwölf Fed-Distrikten berichteten von steigender Wirtschaftsaktivität, die Preise wuchsen „moderat“.

Die Produzentenpreise stiegen im November um 0,2% nach 0,1% im Oktober – auf den ersten Blick moderat. Doch die Kernrate ohne Energie, Lebensmittel und Handelsdienstleistungen kletterte im Oktober um beachtliche 0,7% und im November um weitere 0,2%. Auf Jahressicht erreichte diese Kernrate mit 3,5% den höchsten Stand seit März. Das dürfte den Falken im Fed-Offenen-Markt-Ausschuss Auftrieb geben.

Erschwerend kommt hinzu, dass Trumps Zollpolitik die Inflationserwartungen befeuert. Das Wort „Tarife“ taucht im aktuellen Beige Book 50-mal auf – mehr als im November-Report. Unternehmenskontakte aus vielen Distrikten beginnen, höhere Preise an Kunden weiterzugeben, während Einzelhändler und Restaurants aus Angst vor Nachfragerückgängen zögern.

Wall-Street-Elite verteidigt Fed-Unabhängigkeit

Die Kontroverse um die Unabhängigkeit der Zentralbank erreichte einen neuen Höhepunkt, nachdem die Trump-Administration eine strafrechtliche Untersuchung gegen Fed-Chef Jerome Powell eingeleitet hatte – offiziell wegen der Renovierung des Fed-Hauptquartiers, faktisch als Druckmittel für niedrigere Zinsen.

Jamie Dimon, CEO von JPMorgan Chase und eine der einflussreichsten Stimmen der Wall Street, warnte eindringlich: „Fed-Unabhängigkeit ist absolut entscheidend. Dies ist wahrscheinlich keine großartige Idee und wird meiner Ansicht nach gegenteilige Folgen haben, indem es die Inflationserwartungen erhöht und die Zinsen langfristig wahrscheinlich steigen lässt.“

Auch Brian Moynihan von Bank of America und Robin Vince von BNY schlugen in die gleiche Kerbe. Vince warnte: „Lassen Sie uns nicht das Fundament des Anleihemarkts erschüttern und möglicherweise etwas tun, das dazu führen könnte, dass die Zinsen tatsächlich steigen, weil es irgendwie an Vertrauen in die Fed-Unabhängigkeit mangelt.“

Die Finanzmärkte preisen derzeit ein, dass die Fed die Zinsen bis Juni – nach Ende von Powells Amtszeit als Vorsitzender – nicht senken wird. Powell hat jedoch das Recht, bis Januar 2028 im Fed-Gouverneursrat zu bleiben, was Trump eine weitere Berufungsmöglichkeit verweigern würde.

Globale Märkte im Aufwind

An den europäischen Börsen herrschte derweil Feierlaune. Der STOXX 600 schloss auf einem Rekordhoch bei 611,56 Punkten, angetrieben von Chemie- und Gesundheitswerten. EMS Chemie schoss nach einem Upgrade durch UBS um 8% nach oben. Der finnische Pharmahersteller Orion kletterte um 12%, nachdem er eine besser als erwartete Umsatzprognose für 2026 abgegeben hatte.

Händler verwiesen auf das kürzlich vereinbarte Handelsabkommen zwischen der EU und dem Mercosur-Block in Lateinamerika als positiven Impuls für Pharma-, Industrie- und Chemieunternehmen. „Es ermöglicht diesen Sektoren, im Laufe der Zeit mehr zu exportieren, ohne die gleichen Handelshemmnisse oder Zölle“, erklärte Michael Field, europäischer Aktienstratege bei Morningstar.

Digitaler Zahlungsverkehr nimmt Fahrt auf

Während traditionelle Märkte florieren, arbeiten führende Zentralbanken mit über 40 Großbanken am Agora-Projekt – einer Initiative zur Integration von Stablecoins in bestehende Zahlungssysteme. Die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich treibt das Projekt zusammen mit der New York Fed und Zentralbanken aus Europa, Korea, Mexiko und Japan voran.

„Tokenisierung prägt die Zukunft der globalen Finanzwelt“, sagte Andréa Maechler, stellvertretende Generaldirektorin der BIS. „Atomare Abwicklung könnte für grenzüberschreitende Zahlungen im digitalen Zeitalter ein Gamechanger sein.“ Die sechsmonatige Testphase soll zeigen, ob die Technologie reif für den breiten Einsatz ist.

Auch Visa treibt die Stablecoin-Integration voran. Das Unternehmen verarbeitet bereits ein annualisiertes Volumen von 4,5 Milliarden Dollar über Stablecoin-Abwicklungen – ein Bruchteil der 14,2 Billionen Dollar, die Visa insgesamt jährlich abwickelt. „Aber das wächst monatlich signifikant“, betonte Cuy Sheffield, Visas Krypto-Chef. Der Zahlungsriese setzt darauf, seine Marktführerschaft zu behaupten, selbst wenn neue Zahlungssysteme auf Stablecoin-Basis entstehen.

Ausblick: Unsicherheit bleibt dominierendes Thema

Die US-Wirtschaft zeigt sich erstaunlich widerstandsfähig, doch die Risse im Fundament werden tiefer. Die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich, die politischen Angriffe auf die Fed-Unabhängigkeit und die unberechenbaren Folgen von Trumps Handelspolitik schaffen ein volatiles Umfeld. Während die Märkte vorerst auf die Stärke der Wirtschaftsdaten setzen, könnte die K-förmige Entwicklung früher oder später auch den Konsum der Wohlhabenden bremsen – spätestens dann, wenn die Arbeitslosigkeit weiter steigt und Rezessionsängste um sich greifen. Das dürfte spannend werden.

Über Felix Baarz 1478 Artikel
Mit über fünfzehn Jahren Erfahrung als Wirtschaftsjournalist hat sich Felix Baarz als Experte für internationale Finanzmärkte etabliert. Seine Leidenschaft gilt den Mechanismen globaler Finanzmärkte und komplexen wirtschaftspolitischen Zusammenhängen, die er für seine Leserschaft verständlich aufbereitet.In Köln geboren und aufgewachsen, entdeckte er früh sein Interesse für Wirtschaftsthemen und internationale Entwicklungen. Nach seinem Studium startete er als Wirtschaftsredakteur bei einer renommierten deutschen Fachpublikation, bevor ihn sein Weg ins Ausland führte.Ein prägendes Kapitel seiner Karriere waren die sechs Jahre in New York, wo er direkten Einblick in die globale Finanzwelt erhielt. Die Berichterstattung von der Wall Street und über weltweite wirtschaftspolitische Entscheidungen schärfte seinen Blick für globale Zusammenhänge.Heute ist Felix Baarz als freier Journalist für führende Wirtschafts- und Finanzmedien im deutschsprachigen Raum tätig. Seine Arbeit zeichnet sich durch fundierte Recherchen und präzise Analysen aus. Er möchte nicht nur Fakten präsentieren, sondern auch deren Bedeutung erklären und seinen Lesern Orientierung bieten – sei es zu wirtschaftlichen Trends, politischen Entscheidungen oder langfristigen Veränderungen in der Finanzwelt.Zusätzlich moderiert er Diskussionen und nimmt an Expertenrunden teil, um sein Wissen einem breiteren Publikum zugänglich zu machen. Dabei liegt sein Fokus darauf, komplexe Themen informativ und inspirierend zu vermitteln. Felix Baarz versteht seine journalistische Aufgabe darin, in einer sich schnell wandelnden Welt einen klaren Blick auf wirtschaftliche Zusammenhänge zu ermöglichen und seine Leser bei fundierten Entscheidungen zu unterstützen – beruflich wie privat.