Die Vereinigten Staaten stehen kurz vor dem Abschluss eines lange verhandelten Handelsabkommens mit Indien. Außenminister Marco Rubio reist dazu am Dienstag zu einem zweitägigen Besuch nach Mumbai und Jamnagar. Um den Weg für eine Einigung freizumachen, hat Washington drohende Strafzölle gegen das Land vorerst ausgesetzt.

Der Schritt entschärft einen monatelangen Konflikt um die indische Energiepolitik. Nach einem im September verabschiedeten US-Gesetz drohten den fünf größten Abnehmern von russischem Rohöl zusätzliche Importzölle von bis zu 100 Prozent. Indien rangiert hinter China auf dem zweiten Platz dieser Liste. Präsident Donald Trump setzte die entsprechenden Klauseln am vergangenen Freitag jedoch per Ausnahmegenehmigung aus.

Washington leitete stattdessen eine 60-tägige Prüffrist ein, in der neue Handelsmaßnahmen bewertet werden sollen. Dahinter stehen auch praktische Notwendigkeiten des Partners: Indien importiert mehr als 85 Prozent seines Rohölbedarfs, um das eigene Wirtschaftswachstum zu sichern. Ein sofortiger Verzicht auf Lieferungen aus Russland gilt logistisch als kaum umsetzbar.

Energie und Sicherheit im Mittelpunkt

Der ausgehandelte Rahmen für das Abkommen zielt darauf ab, bestehende Sonderzölle auf indische Waren abzubauen. Im gleichen Schritt streben die USA an, ihre eigenen Energielieferungen nach Indien auszubauen, um den enormen Bedarf des Landes zu decken und bestehende Abhängigkeiten zu verringern. Neben dem Energiebereich umfasst die Vereinbarung auch Fortschritte bei der zivilen Kernenergienutzung sowie eine engere Kooperation in Verteidigungsfragen.

Auf dem Reiseplan stehen neben diplomatischen Gesprächen mit Außenminister Subrahmanyam Jaishankar auch direkte Kontakte zur indischen Industrie. In Jamnagar besichtigt Rubio den Industriekomplex von Reliance Industries, der den weltweit größten Raffineriestandort betreibt, und trifft dort Konzernchef Mukesh Ambani.

Die US-Regierung stellt damit die Weichen für eine Unterzeichnung noch während des laufenden Besuchs. Angesichts der laufenden zweimonatigen Frist zur Überprüfung möglicher Strafmaßnahmen steht für beide Verhandlungsteams fest, dass die letzten offenen Detailfragen zeitnah vertraglich geregelt werden müssen.