Liebe Leserinnen und Leser,
es gibt Sonntage, an denen die Weltgeschichte neu geschrieben wird – und die Finanzmärkte gähnen. Während die Bilder des in Handschellen abgeführten venezolanischen Präsidenten Nicolás Maduro seit gestern um den Globus gehen, passiert an den Rohstoffmärkten das Unerwartete: fast nichts.
In früheren Jahrzehnten hätte ein Regierungssturz im Land mit den größten Ölreserven der Erde den Preis für das „Schwarze Gold“ senkrecht nach oben katapultiert. Doch wir schreiben das Jahr 2026. Die alten Reflexe funktionieren nicht mehr. Stattdessen beobachten wir eine faszinierende Rochade: Während das Öl schweigt, sucht das Kapital im „digitalen Gold“ Zuflucht. Und während wir gestern an dieser Stelle noch über optimistische Analystenstimmen für Tesla diskutierten, lieferte der E-Auto-Pionier heute die nüchterne Abrechnung für 2025.
Lassen Sie uns diesen historischen 4. Januar einordnen.
Geopolitik: Der Öl-Schock, der ausfiel
Die Nachricht schlug am Samstag ein wie eine Bombe: US-Spezialkräfte haben Nicolás Maduro in Caracas festgenommen und nach New York ausgeflogen. US-Präsident Trump verkündete umgehend, die USA würden die Führung übernehmen und die marode Infrastruktur mit heimischen Konzernen sanieren. US-Außenminister Marco Rubio sprach heute auf CBS sogar von einer „Öl-Quarantäne“.
Wer nun jedoch erwartet, dass die Kurse zum Wochenstart explodieren, sieht sich getäuscht. Brent verharrte zuletzt bei rund 60,76 USD. Warum diese fast schon unheimliche Gelassenheit?
Die Antwort ist bitterer Realismus. Experten wie Francisco Monaldi von der Rice University gießen Wasser in den Wein: Die venezolanischen Anlagen sind derart verfallen, dass es geschätzt 100 Milliarden Dollar und ein ganzes Jahrzehnt brauchen würde, um die Produktion von aktuell einer auf vier Millionen Barrel pro Tag zu hieven. Der Markt hat längst eingepreist, dass aus Caracas kurzfristig kein Tropfen mehr kommt – aber eben auch nicht weniger. Die geopolitische „Angstprämie“ ist gewichen, weil es schlicht nichts mehr zu verlieren gibt.
Dennoch steigt die Temperatur: Russlands Ex-Präsident Medwedew drohte in einer bizarren Replik mit der Entführung von Bundeskanzler Friedrich Merz, während in deutschen Städten Hunderte gegen das US-Vorgehen demonstrierten.
Krypto: Bitcoin als neuer Krisen-Indikator
Während das physische Öl stagniert, übernimmt Bitcoin die Rolle des Seismografen für geopolitische Erschütterungen. Die Kryptowährung notiert am heutigen Sonntag bei rund 91.400 US-Dollar – ein Plus von etwa 1,4 Prozent gegenüber dem Vortag.
Wir sehen hier eine signifikante Verschiebung: Bitcoin etabliert sich 2026 endgültig als makroökonomischer Hedge. Was früher Gold war, ist heute für viele institutionelle Anleger die Blockchain. Daten belegen, dass 68 Prozent von ihnen in diesem Jahr in Bitcoin-ETPs investieren wollen.
Doch Vorsicht ist geboten: Die Gier kehrt zurück. Wenn Memecoins wie PEPE oder BONK in einer Woche um über 30 Prozent zulegen, riecht das nach Überhitzung. Analysten mahnen, der Markt befinde sich in einer „fragilen Balance“. Sollte die Stimmung kippen, droht ein Rückfall auf die 50.000er-Marke. Für den Moment jedoch reibt sich Michael Saylor die Hände: Seine MicroStrategy-Bestände weisen inzwischen einen unrealisierten Gewinn von fast 11 Milliarden Dollar auf.
Industrie: Wachablösung auf dem E-Auto-Thron
Gestern noch zitierten wir an dieser Stelle die Hoffnung eines Analysten auf ein „Schlaraffenjahr 2026“ für Tesla. Heute holen uns die nackten Zahlen der Realität ein. Tesla hat die Daten für das vierte Quartal vorgelegt – und sie markieren eine historische Zäsur.
Mit 418.227 ausgelieferten Fahrzeugen im Schlussquartal und einem Jahresrückgang von 8 Prozent auf 1,64 Millionen Autos ist es amtlich: Tesla ist nicht mehr die Nummer eins. Die Krone geht an den chinesischen Rivalen BYD, der 2025 beeindruckende 2,26 Millionen E-Fahrzeuge auf die Straße brachte.
Die Gründe für den Thronverlust sind vielschichtig: Elon Musks politische Eskapaden und die erstarkende Konkurrenz fordern ihren Tribut. Dass der reine EV-Hype einer harten Marktkonsolidierung weicht, spürt auch Rivian: Die Auslieferungen sanken 2025 um 18 Prozent auf rund 42.200 Fahrzeuge. Investoren hatten dies geahnt und die Tesla-Aktie in der letzten Woche bereits mit einem Abschlag von fast 8 Prozent bestraft.
Infrastruktur: Licht und Schatten in Berlin
Zum Schluss ein Blick vor die eigene Haustür, der nachdenklich stimmt. Während wir gestern noch über die Daten-Rekorde der Silvesternacht staunten, führte uns ein Vorfall in Berlin die Verletzlichkeit unserer physischen Basis vor Augen. Nach einem Anschlag auf die Stromversorgung in Steglitz sprachen Behörden heute von einer „Großschadenslage“. Zehntausende saßen im Dunkeln.
Experten der AG Kritis warnen heute im „Spiegel“ deutlich: Unsere Infrastruktur ist unzureichend gesichert. Resilienz kostet Geld – Geld, das Unternehmen in friedlichen Zeiten ungern ausgeben. Es ist eine Mahnung zum Jahresauftakt: Die digitalen Rekorde an den Börsen und in den Mobilfunknetzen fußen auf einer physischen Infrastruktur, die fragiler ist, als uns lieb sein kann.
Was bleibt?
Dieser Sonntag zeigt uns eine Welt der Extreme. Ein geopolitischer Paukenschlag in Südamerika, der an den Ölmärkten abprallt, während Bitcoin die Unsicherheit aufsaugt. Und ein einstiger Pionier wie Tesla, der sich nun in der Rolle des Verfolgers wiederfindet.
Für die kommende Woche sollten Sie den Anleihenmarkt im Fokus behalten. Der US-Arbeitsmarktbericht für Dezember könnte die Renditen bewegen, zumal die Fed signalisiert hat, dass Zinssenkungen 2026 kein Selbstläufer sind.
Ich wünsche Ihnen einen ruhigen Rest-Sonntag – und angesichts der Temperaturen (in Ravensburg heute bis zu -8 Grad!) einen warmen Platz am Kamin.
Herzlichst,
Ihr
Andreas Sommer


