Der Kurs gibt nach — das Projekt schreitet voran. Bei Voestalpine klaffen Börsenstimmung und operative Realität gerade merklich auseinander.
Die Aktie schloss am Freitag mit einem Minus von 3,43 Prozent bei 41,70 Euro. Auf 30-Tage-Sicht summiert sich der Rückgang auf fast 13 Prozent. Das Papier liegt damit rund sieben Prozent unter seinem 50-Tage-Durchschnitt. Auf Jahressicht steht es mit knapp acht Prozent im Plus — der Kurs hat sich vom 52-Wochen-Tief bei 23,36 Euro deutlich erholt.
Elektrolichtbogenöfen: Montage beginnt im Herbst
Der eigentliche Takt wird gerade in Linz und Donawitz gesetzt. Im Herbst 2026 montiert Voestalpine die Kernaggregate der neuen Elektrolichtbogenöfen. Die 220-kV-Zuleitung der Austrian Power Grid ist fast fertig. Dann folgt der Kaltbetrieb — der Probebetrieb vor dem eigentlichen Start.
Im ersten Halbjahr 2027 sollen beide Anlagen regulär laufen. Das Investitionsvolumen liegt bei rund 1,5 Milliarden Euro. Rund 60 Prozent davon sind bereits verbaut. Im Vollbetrieb produzieren die Anlagen zwischen 850.000 und 1,5 Millionen Tonnen CO2-reduzierten Stahl pro Jahr. Bis 2029 sollen die Emissionen um bis zu 30 Prozent gegenüber 2019 sinken — das entspricht fast fünf Prozent der jährlichen CO2-Emissionen Österreichs.
Solide Bilanz, regulatorischer Rückenwind
Die Finanzlage gibt dem Konzern Spielraum. Das EBITDA stieg im Geschäftsjahr 2025/26 auf 1,5 Milliarden Euro, das EBIT kletterte um 59 Prozent auf 724 Millionen Euro. Der Free Cashflow lag bei 537 Millionen Euro. Trotz der laufenden Großinvestition sank die Nettofinanzverschuldung um 23 Prozent auf 1,3 Milliarden Euro. Die Gearing Ratio fiel auf 16,2 Prozent — den niedrigsten Stand seit dem Geschäftsjahr 2005/06.
Ab 1. Juli greift das neue EU-Stahlschutzregime. Zollfreie Importe sind auf 18,3 Millionen Tonnen jährlich begrenzt. Alles darüber wird mit 50 Prozent verzollt. Hinzu kommt der CO2-Grenzausgleichsmechanismus, der seit Januar 2026 vollständig aktiv ist. Stahl aus China oder der Türkei wird damit über zwei Hebel teurer. Für Voestalpine als Qualitäts- und Spezialstahlproduzent verbessern sich die Marktbedingungen in Europa strukturell.
Nachfrage differenziert, Ausblick vorsichtig optimistisch
Die Nachfrage ist gespalten. Railway Systems und Luftfahrt laufen gut. Bau, Maschinenbau und Konsumgüter verharren auf niedrigem Niveau. Voestalpine registriert bereits steigende Bestellungen aus der internationalen Bahnindustrie für CO2-reduzierten Stahl — das stützt die Transformation direkt, denn der Konzern ist Weltmarktführer bei Bahninfrastruktursystemen.
Für das laufende Geschäftsjahr 2026/27 erwartet der Vorstand ein EBITDA zwischen 1,60 und 1,85 Milliarden Euro. Die Risiken bleiben real: Technische Probleme, Lieferverzögerungen oder steigende Energiepreise könnten das 1,5-Milliarden-Projekt verteuern. Der globale Stahlmarkt bleibt strukturell überversorgt.
Nächste Woche stehen zwei Ereignisse an: das Inkrafttreten des EU-Schutzregimes und die Hauptversammlung. Beide könnten das Bild für Aktionäre konkret schärfen.
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