Der Rohbau der neuen Elektrolichtbogenofen-Halle am Linzer Werk steht. Planmäßig im April 2026 abgeschlossen, tritt Voestalpines 1,5-Milliarden-Euro-Programm „greentec steel“ damit in seine konkreteste Phase — während US-Zölle und Autokonjunktur den Konzern von der anderen Seite unter Druck setzen.

Beton ist gegossen, jetzt kommt der Stahl

Das Bauwerk gibt die Dimensionen des Vorhabens vor: Der höchste Punkt liegt 60 Meter über der Erde, der tiefste 25 Meter darunter. Rund 250 eigene Mitarbeiter und mehr als 230 externe Unternehmen arbeiten an insgesamt 20 Einzelprojekten auf dem Werksgelände.

Als nächstes folgen Stahlbau und Anlageninstallation. Parallel startet die Montage der Fördertechnik für die HBI-Versorgungsanlage. Ab Februar 2027 soll der erste Elektrolichtbogenofen in Linz anlaufen, ein zweiter folgt in Donawitz. Beide Anlagen zusammen sollen jährlich rund 2,5 Millionen Tonnen CO₂-reduzierten Stahl produzieren und die Konzern-Emissionen bis 2029 um rund 30 Prozent senken.

Der technologische Kern: Der Elektrolichtbogenofen kommt ohne Kohle und Koks aus. Eingesetzt wird ein Gemisch aus Schrott, flüssigem Roheisen und HBI — Hot Briquetted Iron, das mit Erdgas statt Kohle hergestellt wird. Das notwendige HBI bezieht Voestalpine langfristig aus einer Direktreduktionsanlage in Texas, an der der Konzern seit 2022 einen Anteil von 20 Prozent hält: 420.000 Tonnen jährlich, vertraglich gesichert.

Brüssel hilft, Washington schadet

Das regulatorische Umfeld spielt dem Konzern in die Karten. Seit Januar 2026 ist der EU-Kohlenstoffgrenzmechanismus vollständig in Kraft und verteuert Stahlimporte aus China und der Türkei nach Analystenschätzungen um 40 bis 70 Euro je Tonne. Emissionsarme Produzenten wie Voestalpine gewinnen dadurch einen wachsenden Preisvorteil gegenüber Importware.

Auf der anderen Seite des Atlantiks bleibt der Druck real. Die Sparte Tubulars leidet unter US-Zöllen von bis zu 50 Prozent auf Spezialrohre, verschärft durch niedrige Ölpreise, die die Nachfrage zusätzlich dämpfen. Das Management kalkuliert mit einem negativen Ergebniseffekt von 60 bis 80 Millionen Euro durch die US-Handelspolitik — hält aber an der Jahresprognose fest: ein operatives Ergebnis zwischen 1,4 und 1,55 Milliarden Euro.

Eine strukturelle Baustelle bleibt unabhängig davon bestehen: Für den vollständigen Ersatz der klassischen Hochöfen fehlen ausreichend dimensionierte Strom- und Wasserstoffnetze in Europa.

Aktie erholt, Bericht steht an

Die Aktie notiert bei 41,54 Euro — rund 15 Prozent unter dem 52-Wochen-Hoch von 49,10 Euro, dafür aber fast doppelt so hoch wie das Jahrestief vom Juni 2025. Der RSI liegt bei 19 und signalisiert eine deutlich überverkaufte Lage.

Am 3. Juni legt Voestalpine den vollständigen Geschäftsbericht vor. Dann wird sich zeigen, wie stark Bahninfrastruktur und Luftfahrtsparte die Schwäche der europäischen Autoindustrie kompensieren — und ob der freie Cashflow, der im dritten Quartal bereits mit 345 Millionen Euro positiv überraschte, das Niveau halten kann.