Sechs von neun Vorstandsmitgliedern stufen Volkswagens Situation als existenziell ein. Keiner hält den Ausblick für unkritisch. Während der größte europäische Autobauer intern um seine Zukunftsfähigkeit ringt, rollen chinesische Wettbewerber mit Rekordreichweiten und aggressiven Markteintrittsplänen über den Kontinent. Die Kluft zwischen den Traditionsherstellern und ihren Herausforderern war selten so greifbar wie in dieser Woche.
Volkswagen: Interne Bestandsaufnahme offenbart die Tiefe der Krise
Eine interne Umfrage, die dem Aufsichtsrat im April vorgelegt wurde, zeichnet ein düsteres Bild. Das traditionelle Geschäftsmodell — Entwicklung in Deutschland, Produktion in Europa für den Weltmarkt — gilt intern als nicht mehr tragfähig. Der Nettogewinn sank im ersten Quartal um 28,4 % auf 1,56 Milliarden Euro. VW bleibt profitabel, aber der Trend zeigt klar nach unten.
Die Kostenstruktur verschärft das Problem. Arbeitskosten von über 40 Euro pro Stunde in Deutschland stehen rund 30 Euro in den USA und unter zehn Euro in China gegenüber. Kein Wunder, dass der Konzern massiv an der Personalschraube dreht: Bis Jahresende sollen 19.000 Stellen wegfallen, bis 2030 insgesamt 35.000. Bei Porsche und Audi stehen weitere 15.000 Positionen auf dem Prüfstand.
Die Aktie spiegelt diese Gemengelage schonungslos wider. Am Freitag schloss Volkswagen bei 80,54 Euro — ein Minus von knapp 4,7 % an nur einem Handelstag. Seit Jahresbeginn hat das Papier rund ein Viertel seines Wertes verloren. Der RSI von 29 signalisiert eine überverkaufte Situation, doch ein technisches Signal allein liefert kein Gegenargument zur fundamentalen Schieflage. J.P. Morgan hält an einem Hold-Rating fest und verweist auf die operative Marge, die deutlich hinter BMW und Mercedes zurückgefallen ist.
Mercedes-Benz: Erster Elektro-Van rollt vom Band — Aktie bleibt nahe Jahrestief
In Vitoria, Spanien, hat Mercedes-Benz die Serienproduktion des VLE aufgenommen. Das Fahrzeug ist das erste Modell auf der neuen VAN.EA-Elektroarchitektur und markiert einen konkreten Fortschritt in der EV-Strategie des Konzerns. Ein 409-PS-Allradantrieb, ein 115-kWh-Akku und eine Reichweite von rund 705 Kilometern bilden das technische Fundament. Das 800-Volt-Ladesystem liefert in 15 Minuten Energie für über 350 Kilometer.
Der Einstiegspreis liegt bei 82.260 Euro für die Fünfsitzer-Version. Noch in diesem Jahr soll ein günstigerer VLE 300 ab 70.464 Euro folgen, ergänzt um verschiedene Sitzlayouts bis acht Plätze. Die Produktion für den chinesischen Markt im Werk Fuzhou ist ebenfalls für 2026 geplant.
An der Börse reicht das bislang nicht als Katalysator. Die Aktie schloss am Freitag bei 45,09 Euro — nur gut zwei Prozent über dem frischen 52-Wochen-Tief. Seit Jahresbeginn steht ein Minus von knapp 27 %. Im ersten Quartal übertraf Mercedes zwar mit einem EBIT von 1,9 Milliarden Euro die Analystenerwartungen von 1,6 Milliarden Euro. Gleichzeitig rechnet das Management in der Kernsparte Cars mit einer Umsatzrendite von lediglich 3–6 % für 2026, nach bereits schwachen 5 % im Vorjahr. Das Analysten-Konsenskursziel von 59 Euro impliziert gut 30 % Aufwärtspotenzial — die Gesamtempfehlung bleibt dennoch bei Hold.
Deutz AG: Rekordquartal trotz Chip-Risiken
Deutz hat sich in diesem Jahr als einer der wenigen Lichtblicke im europäischen Industriesektor positioniert. Das erste Quartal brachte einen Rekordeinstieg: Die EBIT-Marge erreichte 7,0 % — ein Anstieg um 1,8 Prozentpunkte gegenüber dem Vorjahresquartal und historisch ungewöhnlich stark für das traditionell schwächste Quartal. Der Umsatz kletterte um 8 % auf 530 Millionen Euro.
Besonders beeindruckend: Die Auftragseingänge schnellten um 41 % auf 771 Millionen Euro nach oben. Die Übernahme von FRAC trug rund 145 Millionen Euro bei und beschleunigt die Diversifizierung weg vom klassischen Motorengeschäft hin zu Rechenzentrums-Energie und Verteidigung. Das Kostensenkungsprogramm Future Fit und eine höhere Werksauslastung stützten die Margenentwicklung zusätzlich.
Die Schattenseite: Deutz kämpft derzeit mit der Beschaffung von Ersatzkomponenten für Steuer- und Antriebssysteme. Produktionsengpässe und höhere Beschaffungskosten in der zweiten Jahreshälfte bleiben ein reales Risiko.
Am Kurszettel zeigt sich die Zwitterstellung. Die Aktie notiert bei 9,93 Euro — seit Jahresbeginn im Plus von rund 15 %, auf Zwölf-Monats-Sicht sogar knapp 47 % höher. Das Konsenskursziel der Analysten von 11,80 Euro entspricht einem Aufschlag von knapp 19 %, die Empfehlung lautet Buy.
XPeng: Reichweitenkönig in Norwegen, Verluste im Heimatmarkt
Der greifbarste Triumph für XPeng kam diese Woche aus Skandinavien. Beim Sommer-El-Prix 2026 — dem weltweit größten unabhängigen Elektrofahrzeugtest, organisiert vom Norwegischen Automobilverband — erzielte der XPeng X9 das beste Ergebnis aller 24 getesteten Fahrzeuge. Der Siebensitzer übertraf seine offizielle WLTP-Reichweite von 580 Kilometern um 11,4 % und legte im realen Fahrbetrieb 646 Kilometer zurück. Die Ladeleistung war ebenso beeindruckend: von 10 auf 80 Prozent in unter 13 Minuten.
Bereits beim Wintertest im Februar hatte der X9 bei minus zehn Grad Celsius das Feld angeführt. Norwegen dient als Brückenkopf für die europäische Expansion — und der X9 liefert harte Daten statt Marketingversprechen.
Die Fundamentaldaten bleiben allerdings zweischneidig. Im ersten Quartal erzielte XPeng einen Umsatz von 13,03 Milliarden Renminbi bei einer Bruttomarge von 20,6 %. Der Nettoverlust weitete sich auf 1,78 Milliarden Renminbi aus. Im Mai lieferte das Unternehmen 32.158 Fahrzeuge aus — ein moderates Plus von 4 % gegenüber dem Vormonat.
An der Börse spiegelt sich der Margendruck wider. Die in Frankfurt gehandelte Aktie schloss am Freitag bei 11,86 Euro, seit Jahresbeginn ein Minus von 32 %. Das durchschnittliche Analystenkursziel liegt mit umgerechnet rund 22 Dollar deutlich über dem aktuellen Niveau — 21 Analysten empfehlen einen Kauf.
Geely: Schweizer Markteintritt als jüngster Baustein der Europa-Offensive
Geely rückt mit bemerkenswerter Systematik auf dem europäischen Markt vor. Jüngster Schritt: der formelle Eintritt in die Schweiz und Liechtenstein. Emil Frey übernimmt die Importaufgaben, zum Marktstart im dritten Quartal kommen der vollelektrische E5 und der Plug-in-Hybrid Starray EM-i.
Die Geschwindigkeit der europäischen Expansion ist bemerkenswert. Ende März vollzog Geely einen koordinierten Markenrollout in Spanien, Deutschland, den Niederlanden, Belgien und Luxemburg — innerhalb von nur 48 Stunden. Die Marke deckt mittlerweile nahezu 20 Hauptmärkte in Mittel- und Westeuropa ab.
Die Exportzahlen untermauern den Ehrgeiz: Im ersten Quartal stiegen die Exporte um 126 % auf 203.024 Einheiten. Beide für Europa vorgesehenen Modelle tragen Fünf-Sterne-Bewertungen von Euro NCAP. Im Jahr 2025 hatte Geely insgesamt über drei Millionen Fahrzeuge verkauft — ein Plus von 39 % gegenüber dem Vorjahr.
Die Aktie zeigt sich in Frankfurt mit 2,06 Euro vergleichsweise stabil. Seit Jahresbeginn steht ein Plus von rund 3 %, auf Zwölf-Monats-Sicht knapp 18 %. Der Kurs pendelt nahe am 200-Tage-Durchschnitt.
Zwei Geschwindigkeiten im Autosektor
Die fünf Aktien verdichten die zentrale Branchendynamik:
- Volkswagen und Mercedes-Benz kämpfen mit strukturellen Kosten und schrumpfenden Margen — beide Papiere notieren rund ein Viertel unter ihrem Jahresanfangsniveau
- XPeng liefert technologisch überzeugende Ergebnisse, muss aber noch beweisen, dass sich Reichweitenrekorde in nachhaltige Profitabilität übersetzen lassen
- Geely baut methodisch einen paneuropäischen Vertrieb auf und wächst mit dreistelligen Exportraten
- Deutz nimmt eine Sonderrolle ein: ein europäischer Industriewert, der sich durch Diversifizierung in Verteidigung und Rechenzentrums-Energie vom Gegenwind des klassischen Sektors abkoppelt
Brennpunkte für die kommenden Wochen
Für Volkswagen wird entscheidend sein, ob die interne Offenheit über die existenzielle Lage in eine glaubwürdige Restrukturierungsroadmap mündet — oder ob die politische Komplexität der Konzerneignerstruktur entschlossenes Handeln weiter bremst. Mercedes-Benz muss mit dem VLE beweisen, dass die neue Van-Architektur am Markt funktioniert. In der zweiten Jahreshälfte soll das Flaggschiff VLS enthüllt werden.
Deutz steht vor der Frage, ob die Erholung in den Kernmärkten Bau und Landwirtschaft stark genug ausfällt, um die EBIT-Marge zum oberen Ende der Guidance von 6,5–8,0 % zu treiben. XPengs europäische Expansion jenseits von Norwegen ist ein Praxistest, ob technische Überlegenheit auch kommerziellen Erfolg bringt. Und Geelys Schweizer Launch im dritten Quartal reiht sich in eine Europa-Strategie ein, die sich in unter zwei Jahren vom Markteintritt zur Volumenambition entwickelt hat. Die Divergenz zwischen Alt und Neu im Autosektor dürfte sich weiter verschärfen.
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