Liebe Börsenfreundinnen und Börsenfreunde,

heute zählt nicht, wer Aufträge hat, sondern wer seinen Umbau bezahlen kann.

Die zweite Reihe der Chipbranche zeigt das am deutlichsten. Suss MicroTec bricht nach einer gekappten Prognose zeitweise um 13 Prozent ein, Besi springt in Amsterdam um 10 Prozent nach oben. Beide bauen Maschinen für die Chipfertigung, und beide haben seit Juni mehr als die Hälfte ihres Werts verloren. Dazu kommen Boeing, Porsche und eine Premiere der Deutschen Börse.

Suss MicroTec zahlt für den eigenen Umbau

Suss MicroTec senkt die Ziele für 2026, und zwar dort, wo es wehtut. Die Ebit-Marge soll nur noch 5 bis 7 Prozent erreichen, bisher waren 8 bis 10 Prozent geplant. Gemeint ist der Anteil am Umsatz, der im operativen Geschäft als Gewinn hängen bleibt. Auch das Umsatzziel sinkt.

Fehlt also die Nachfrage? Im Gegenteil: Auftragseingang und Orderbuch erreichten im dritten Quartal Rekordniveau. Das Problem liegt im eigenen Haus. Die Produktion am Stammsitz Garching wird geschlossen, die Belichtungsmaschinen wandern schrittweise nach Taiwan.

Die Einmalkosten erklären die Senkung allerdings nur zum Teil. Schwerer wiegen Umsätze, die ins Jahr 2027 rutschen, und Engpässe bei Komponenten. Die Aktie notierte zuletzt um 49 Euro, nach einem Rekordhoch von gut 118 Euro im Juni.

Meine Lesart: Die Nachfrage ist belegt. Offen ist, ob Suss MicroTec die Aufträge mit der neuen Struktur auch margenstark abarbeitet. Eine erste Antwort gibt es frühestens mit den Quartalszahlen am 5. November.

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Besi: Der Großaktionär kauft nach

Was steckt hinter dem Sprung bei Besi? Applied Materials, einer der größten Ausrüster der Chipindustrie, baut seine Beteiligung auf rund 20 Prozent aus. Einen Sitz im Verwaltungsrat strebt der Konzern dabei nicht an. Zugleich wird die Partnerschaft auf neue Chip-Architekturen ausgeweitet.

Besi startet heute außerdem ein neues Programm, um eigene Aktien zurückzukaufen. Das vorherige Programm lief zu einem Durchschnittskurs von 187,12 Euro. Das liegt deutlich über dem heutigen Niveau von 161 Euro.

Die Deutsche Bank bleibt bei ihrem Kaufen-Votum, senkt das Kursziel aber auf 220 Euro. Nach einem Kursverlust von 54 Prozent seit dem 22. Juni bleibt damit viel Luft nach oben. Und das Signal ist eindeutig: Ein strategischer Großinvestor stockt zu diesen Kursen auf, das Unternehmen kauft selbst zurück. Beide sehen einen Boden, den der Markt bisher nicht sehen wollte.

Boeing: Das Quartal hilft, der Zeitplan nicht

Boeing verliert im US-Handel rund 9 Prozent und fällt auf den tiefsten Stand seit einem Jahr. Dabei war das Quartal kein Desaster: Der Nettoverlust schrumpfte kräftig, der Umsatz stieg. Doch der Verlust je Aktie ohne Sondereffekte fiel deutlich höher aus als erwartet.

Entscheidend ist der Zeitplan. Vorstandschef Kelly Ortberg räumt ein, dass die 737-Produktion erst Anfang 2027 stabil läuft. Das Auslieferungsziel für 2026 wird verfehlt. Beim freien Mittelzufluss, also dem Geld, das nach allen Investitionen übrig bleibt, erwartet Boeing für 2027 rund 3 Milliarden Dollar. Der Markt hatte mit 5,6 Milliarden gerechnet.

Wer kauft da noch? Die Analysten halten dagegen, Bernstein etwa nennt ein Kursziel von 278 Dollar. Wer jetzt einsteigt, setzt darauf, dass Flügelbau und Lieferkette 2027 funktionieren, nicht auf das nächste Quartal. Das verlangt mehr Geduld, als die Wall Street gerade aufbringt.

Porsche: Weniger Autos, mehr Gewinn

Porsche liefert das Gegenstück zur Gewinnwarnung von Mercedes-Benz, die die Mercedes-Aktie auf ein Mehrjahrestief drückt. Nach neun Monaten steht bei Porsche ein operativer Gewinn von 1,74 Milliarden Euro. Im Vorjahr waren es gerade einmal 40 Millionen.

Das gelingt, obwohl Porsche deutlich weniger Autos ausgeliefert hat. In China ist der Absatz sogar um 36 Prozent eingebrochen. Den Umsatzausblick bestätigt der Konzern trotzdem.

Wie geht das? Die Kosten für den Konzernumbau sind stark gesunken: rund 500 Millionen Euro bisher, nach 2,7 Milliarden im Vorjahreszeitraum. Porsche verkauft weniger, verdient aber pro Auto wieder Geld. Genau das honoriert der Markt, während Mercedes die China-Schwäche voll in die Marge durchreicht.

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DAX rund um die Uhr: Die Deutsche Börse prescht vor

Ab heute sind alle DAX-Aktien rund um die Uhr handelbar, auch am Wochenende. Die Deutsche Börse ist damit der erste große Marktbetreiber weltweit mit unterbrechungsfreiem Aktienhandel. NYSE, Nasdaq und LSE planen bislang höchstens 23 Stunden an Werktagen. Nachts und am Wochenende läuft der Handel nicht über Xetra, sondern über die Plattform 360X.

Für Trader heißt das: Eine Gewinnwarnung aus den USA am Sonntagabend lässt sich künftig sofort in deutschen Positionen umsetzen. Taugt das schon für den Alltag? Ob außerhalb der Kernzeiten genug gehandelt wird und die Spanne zwischen Kauf- und Verkaufskurs vernünftig bleibt, zeigt erst dieser Testlauf.

Was jetzt zählt

Die Woche gehört den Notenbanken und den Tech-Riesen. Am Mittwochabend entscheidet die Fed unter Kevin Warsh, am Donnerstag die EZB, am Freitag die Bank of Japan. Eine Zinsänderung erwartet der Markt bei keiner. Dazwischen legen Alphabet und Microsoft am Mittwoch Zahlen vor, Amazon am Donnerstag. Daran zeigt sich, ob die Erholung bei Chipwerten wie Besi trägt.

Für die Zulieferer der zweiten Reihe gilt nach Suss MicroTec eine klare Lehre: Ein volles Orderbuch schützt nicht vor einer Gewinnwarnung, wenn Lieferkette und eigener Umbau die Marge fressen. Der nächste Prüfstein ist der 5. November.

Viele Grüße vom Treff, Ihr Andreas Sommer