Vorzieheffekte durch den Iran-Konflikt, Analystenoptimismus bei Chemiewerten und geopolitische Verwerfungen im Tourismusgeschäft: Der MDAX zeigt sich zur Wochenmitte tief gespalten. Während die Chemiebranche kräftig zulegt, geraten Zykliker und Teile des Gesundheitssektors ins Straucheln.
Das Muster ist klar erkennbar. Unternehmen mit Preissetzungsmacht und kurzfristiger Nachfragebeschleunigung gehören zu den Gewinnern. Firmen, deren Geschäft direkt von stabilen Handelsrouten oder Investitionszyklen abhängt, stehen unter Druck. Das geopolitische Katz-und-Maus-Spiel rund um die Straße von Hormus bleibt der bestimmende Taktgeber — und sorgt dafür, dass sich Anleger nicht aus der Deckung wagen.
Wacker Chemie: Iran-Krieg befeuert Vorzieheffekte
Wacker Chemie ist der mit Abstand stärkste MDAX-Wert des Tages und springt um rund 6 Prozent nach oben. Der Kursanstieg setzt eine Bewegung fort, die bereits Mitte April begann. Der Grund: Kunden haben wegen des Iran-Konflikts Bestellungen massiv vorgezogen.
Die vorläufigen Quartalszahlen übertrafen die Erwartungen deutlich. Das operative Ergebnis (EBITDA) lag mit rund 173 Millionen Euro weit über dem Analystenkonsens von 146 Millionen Euro. Parallel gelang es dem Konzern, höhere Rohstoff- und Energiepreise direkt an die Abnehmer weiterzureichen — ein Zeichen starker Marktposition in einem angespannten Umfeld.
Die Unternehmensführung hob die Jahresprognose an: Statt eines niedrigen einstelligen Umsatzwachstums erwartet Wacker nun ein Wachstum im hohen einstelligen Prozentbereich. Die DZ Bank reagierte prompt und stufte die Aktie von „Verkaufen“ auf „Halten“ hoch, der faire Wert wurde von 70 auf 92 Euro angehoben. Am 30. April folgen die detaillierten Q1-Zahlen — dann muss das Management beweisen, dass die Margenstärke auch ohne einmalige Vorzieheffekte trägt.
Evonik: Doppelte Hochstufung treibt Erholungskurs
Evonik legt heute um 2,7 Prozent zu und baut damit den Aufwärtstrend der vergangenen Wochen aus. Gleich zwei Analystenhäuser haben ihre Einschätzungen zuletzt nach oben korrigiert: Jefferies stufte Mitte April von Underperform auf Hold hoch und erhöhte das Kursziel auf 15,10 Euro. Die Deutsche Bank zog kurz zuvor nach und setzte ihr Ziel auf 15 Euro.
Neben dem verbesserten Analystenumfeld lieferte Evonik ein Signal auf der Technologieseite. Gemeinsam mit Uniper nahm der Konzern am Standort Herne eine Hochtemperatur-Wärmepumpe in Betrieb, die industrielle Abwärme für rund 1.000 Haushalte im Ruhrgebiet nutzbar macht. Für Evonik geht es dabei weniger um Imagearbeit als um handfeste Effizienzgewinne — ein Baustein des laufenden Programms „Tailor Made“, das bis Jahresende spürbare Kostensenkungen bringen soll.
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Am 8. Mai legt Evonik die Q1-Zahlen vor. Die entscheidende Frage: Sind die Fortschritte bei der Preisdurchsetzung im Methionin-Segment und beim Effizienzprogramm bereits in den Büchern sichtbar?
Redcare Pharmacy: Politischer Rückenwind nach Mehrjahrestief
Redcare Pharmacy klettert auf 52,35 Euro und setzt damit eine bemerkenswerte Erholung fort. Nach einem monatelangen Abwärtstrend kam unerwartete Unterstützung aus der Politik: Eine Expertenkommission legte weitreichende Reformvorschläge für die gesetzliche Krankenversicherung vor, die das Geschäftsmodell von Online-Apotheken strukturell stärken könnten. Besonders eine mögliche Erhöhung der Zuzahlungen für verschreibungspflichtige Medikamente gilt als Treiber.
Im Rx-Segment ist Redcare gut positioniert:
- Marktanteil von 67 Prozent bei verschreibungspflichtigen Medikamenten
- Rx-Umsätze für 2026 von über 670 Millionen Euro erwartet
- Kein Rx-Wettbewerb durch Rossmann — der Drogerieriese hat bestätigt, keine verschreibungspflichtigen Medikamente anbieten zu wollen
- Umsatzwachstum zwischen 13 und 15 Prozent für das Gesamtjahr angepeilt
Der erste Belastungstest für das neue Führungsteam folgt am 6. Mai mit den Q1-Zahlen. Trotz der jüngsten Erholung notiert die Aktie noch immer weit unter ihrem Niveau vom Jahresanfang.
TUI: Kreuzfahrtblockade und Buchungsschwäche belasten
TUI verliert heute über 4 Prozent und fällt auf 6,92 Euro. Der Reisekonzern steckt in einer der ungemütlichsten Lagen seiner jüngeren Geschichte. Zwei Kreuzfahrtschiffe liegen im Persischen Golf fest. Der Ölpreis zieht an. Die Buchungen für den Sommer 2026 liegen rund zwei Prozent unter Vorjahresniveau — ein deutliches Warnsignal.
Besonders das Kreuzfahrtgeschäft leidet unter den anhaltenden Störungen rund um die Straße von Hormus. Steigende Kerosinpreise drücken zusätzlich auf die Margen. TUI selbst sprach von „einer kurzen Phase der Buchungszurückhaltung“ auf golfnahen Routen — eine Formulierung, die das Ausmaß der Belastung eher herunterspielt.
Trotz des Drucks hält die Unternehmensführung an der Jahresprognose fest. JPMorgan bestätigte gestern die Overweight-Einstufung mit einem Kursziel von 13,50 Euro — fast das Doppelte des aktuellen Kurses. Am 13. Mai legt TUI den vollständigen Halbjahresbericht vor. Dieses Zahlenwerk wird zeigen, inwieweit die kurzfristigen Kapazitätsausweitungen im Mittelmeer-Geschäft die Ausfälle am Golf kompensieren konnten.
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Sartorius: Nervosität vor dem Quartalsbericht
Sartorius gibt 3,1 Prozent auf 236,20 Euro ab. Der Laborausrüster aus Göttingen steht unmittelbar vor der Veröffentlichung seiner Q1-Zahlen — voraussichtlich morgen. Die Unsicherheit vor diesem Termin drückt auf den Kurs, nachdem die Aktie bereits am Montag die 100-Tage-Linie nach unten durchbrochen hatte.
Die Analysten-Erwartungen sind ambitioniert. Im Schnitt rechnen neun Experten mit einem Ergebnis je Aktie von 1,28 Euro — ein Zuwachs von knapp 83 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Auf der Umsatzseite werden rund 895 Millionen Euro erwartet. Strukturell kämpft der Life-Science-Sektor allerdings mit Normalisierungseffekten nach den starken Wachstumsphasen der vergangenen Jahre. Budgetrestriktionen bei Kunden und veränderte Investitionszyklen bremsen die Nachfrage.
Mittelfristig bleibt die Unternehmensführung zuversichtlich und stellt ein währungsbereinigtes Umsatzwachstum von fünf bis neun Prozent in Aussicht. Der morgige Bericht könnte die Richtung für den gesamten Life-Science-Sektor im MDAX vorgeben.
CTS Eventim: Ausblick-Schock wirkt nach
CTS Eventim verliert 2,9 Prozent auf 57,05 Euro. Der Ticketvermarkter trägt noch immer an den Folgen eines verhaltenen Ausblicks von Ende März, der die Aktie damals um rund 25 Prozent einbrechen ließ. Firmengründer Klaus-Peter Schulenberg nutzte den Rücksetzer für umfangreiche Insiderkäufe — ein Signal, das die Märkte registrierten.
Zwar hatte sich das Papier zuletzt leicht erholt und Mitte April die 20-Tage-Linie zurückerobert. Der heutige Rücksetzer zeigt allerdings, wie fragil diese Erholung noch ist. Seit August 2025 hat die Aktie rund 42 Prozent an Wert verloren. Die Volatilität bleibt mit annualisiert knapp 94 Prozent extrem hoch.
Das strukturelle Geschäftsmodell als europäischer Marktführer im Ticketing ist intakt. Analysten sehen weiteres Erholungspotenzial. Die Hauptversammlung am 27. Mai in Bremen wird der nächste wichtige Termin für Aktionäre — und eine Gelegenheit für das Management, verloren gegangenes Vertrauen zurückzugewinnen.
Geopolitik bleibt der Taktgeber im MDAX
Der heutige Handelstag unterstreicht die dominante Rolle der Nahost-Geopolitik für den MDAX. „Auch wenn es jetzt auf diplomatischem Wege zu einigen Vereinbarungen kommt, sind wir noch ganz weit von einem Frieden entfernt“, schrieb CMC-Markets-Analyst Andreas Lipkow. Die Ölpreise signalisierten keinerlei Entspannung.
Für Anleger ergibt sich ein zweischneidiges Bild: Chemiewerte wie Wacker Chemie und Evonik profitieren kurzfristig von Vorzieheffekten und Hochstufungen, tragen aber das Risiko, dass diese Sondereffekte verpuffen. TUI bleibt verwundbar, solange die Straße von Hormus instabil bleibt. Und mit den Sartorius-Zahlen morgen sowie den Quartalsberichten von Wacker Chemie, Evonik und Redcare Pharmacy im Mai steht eine Flut an Datenpunkten bevor, die das Bild rasch verändern könnte.
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