Liebe Traderinnen und Trader,

sechs Gewinntage in Folge, dann Stillstand: Der Halbleiterindex SOX droht heute seine Serie zu beenden, Nvidia gibt rund 1 Prozent nach, Infineon verliert zeitweise mehr als 3 Prozent. Genau in diesem Moment drehen die Titel auf, die der Markt zuletzt abgeschrieben hatte. Rheinmetall erobert die 1.000-Euro-Marke zurück, SAP steigt gegen den Trend. Die Botschaft des Tages liegt nicht im Gesamtmarkt – der DAX hängt weiter unter seiner 50-Tage-Linie fest –, sondern in der Rotation darunter: Kapital sucht neue Ziele, und es findet sie in Verteidigung und Software.

Rheinmetall: 1.000 Euro sind wieder Boden, nicht Decke

Die Rheinmetall-Aktie notiert im Verlauf bei rund 1.021 Euro, gut 2 Prozent über dem Vortag, nachdem sie am Morgen noch knapp unter 990 Euro gestartet war. Das Tageshoch bei 1.024 Euro ist die Marke, an der sich entscheidet, ob der Ausbruch trägt oder ob es nur ein Bounce war. Der Kontext bleibt ernüchternd: Vom 52-Wochen-Hoch bei rund 2.007 Euro aus dem Oktober 2025 ist der Titel weit entfernt, seit Jahresbeginn steht ein Minus von 34 Prozent, und das Tief bei 902,50 Euro vom 25. Juni markiert die Unterstützung, die nicht mehr fallen darf.

Operativ liefert der Tag eher Kleinvieh: Die Division Naval Systems sichert sich einen mehrjährigen Rahmenvertrag der Generalzolldirektion für die Wartung von vier LNG-Zollschiffen an den Standorten Lubmin, Neustadt, Wilhelmshaven und Emden. Politisch wiegt schwerer, dass Verteidigungsminister Pistorius im Bundestag für den weiteren Ausbau der Bundeswehr wirbt, die Litauen-Brigade dauerhaft stationiert werden soll und der Drohnenhersteller Stark Defence kurz vor der Auslieferung einer ersten Charge über 275 Millionen Euro aus einem 2,9-Milliarden-Euro-Rahmenvertrag steht. Das Beschaffungsgeld fließt weiter – nur verteilt es sich inzwischen auf mehr Anbieter als noch vor einem Jahr.

Fundamental hat Rheinmetall im zweiten Quartal den Umsatz von 2,43 auf 3,29 Milliarden Euro gesteigert. Für 2026 erwarten Analysten einen Gewinn je Aktie von 37,51 Euro und eine Dividende von 14,72 Euro nach 11,50 Euro für 2025. Bernstein stufte den Wert am 21. September mit Outperform ein, JPMorgan bleibt bei Neutral, das mittlere Kursziel liegt bei knapp 1.739 Euro. Der nächste harte Termin ist die Q3-Bilanz am 5. November. Bis dahin braucht die Erholung den Schluss über 1.000 Euro als Bestätigung – ein Rückfall darunter wäre das Signal, dass die Sektor-Skepsis noch nicht vom Tisch ist.

Rotation raus aus Chips: SAP und IonQ fangen das Geld auf

Der Chip-Trade zeigt heute erstmals seit Tagen Ermüdung, und das ist noch keine Trendwende – AMD hat allein in den vergangenen 30 Tagen 37 Prozent zugelegt, kurz nachdem der Konzern über die Billionen-Dollar-Marktkapitalisierung gesprungen war. Aber es ist der Moment, in dem Anleger nach Alternativen suchen.

SAP ist ein solcher Empfänger: Die Aktie notiert bei rund 186 Euro, 1,4 Prozent fester, während der Gesamtmarkt nachgibt. Jefferies hebt das Kursziel von 210 auf 220 Euro und bleibt bei Buy. Die Fallhöhe nach oben bleibt beträchtlich – das 52-Wochen-Hoch lag im Oktober 2025 bei 242 Euro, der Boden vom 23. Juli bei 127,52 Euro liegt inzwischen weit hinter dem Kurs. Trotzdem steht SAP seit Jahresbeginn 11 Prozent im Minus; die Kaufempfehlungen der Analysten haben bislang nicht gezündet. Das heutige Tageshoch bei 187,70 Euro ist deshalb die Schwelle, die fallen muss, damit aus dem Chartsignal ein Trend wird.

Die aggressivste Bewegung liefert IonQ: Ein Echtzeit-Decoder für die Quantenfehlerkorrektur und eine Kooperation mit Nvidia – das System Superion 256 wird an Nvidias Quantenzentrum angebunden – treiben den Kurs um mehr als 5 Prozent auf umgerechnet knapp 43 Dollar. Ausgeliefert wird erst ab 2027, das ist eine Momentum-Wette, kein Fundamentalinvestment, zumal der Titel auf Jahressicht 41 Prozent verloren hat. Microsoft profitiert ebenfalls: Stifel stuft auf Buy hoch, die Aktie gewinnt knapp 1 Prozent. Die Warnung kommt von Alphabet, dessen freier Cashflow im Juli wegen der KI-Investitionen erstmals seit dem Börsengang ins Minus rutschte. Die Tech-Konzerne wollen 2026 rund 800 Milliarden Dollar in KI-Infrastruktur stecken – und der Markt beginnt zu fragen, wer davon tatsächlich profitiert und wer nur die Rechnung zahlt.

Siemens Energy bleibt Wochengewinner, auch ohne Bestätigung heute

Siemens Energy rangiert diese Woche auf Platz zwei der DAX-Gewinner, konsolidiert heute aber bei rund 144 Euro, knapp 2 Prozent unter dem Vortag. Der Nachrichtenfluss stützt trotzdem: Ein neuer Milliardenauftrag aus Kanada erhöht den Auftragsbestand, und die Windtochter Siemens Gamesa meldet nach ihrer Korrekturphase operative Fortschritte. Mit 20 Prozent Plus seit Jahresbeginn und 49 Prozent auf Zwölfmonatssicht bleibt der Titel einer der stärksten im Index – bis zum April-Hoch bei 195,38 Euro ist es aber noch ein weiter Weg. Für Trader ist die relative Stärke im Wochenvergleich das Argument, der heutige Rücksetzer der Einstiegstest: Hält die Zone um 143,70 Euro, das Tagestief, bleibt das Momentum intakt.

Der energiepolitische Rahmen passt dazu: Berlin hat bei der UN einen Fahrplan für den vollständigen Ausstieg aus Kohle, Öl und Gas bis 2045 hinterlegt. Fossile Energieträger deckten 2024 noch 65 Prozent des deutschen Verbrauchs, und die Importkosten von 76 Milliarden Euro sind seit der Iran-Krise massiv gestiegen. Uniper unterschreibt parallel einen mehr als zehnjährigen Abnahmevertrag über jährlich 40.000 Tonnen synthetisches Kerosin mit Arcadia eFuels ab Anfang der 2030er-Jahre – der Kurs reagiert dennoch mit rund 1,5 Prozent Minus, weil der Anlagenbau in Dänemark noch nicht einmal begonnen hat.

DAX: gute Konjunkturdaten, aber kein Ausbruch

Der DAX konnte den freundlichen Start nicht halten und lag zuletzt bei rund 25.400 Punkten, klar unter der 50-Tage-Linie bei 25.775 und dem Widerstand um 25.800. Dabei stimmt das Makrobild eigentlich: Der Einkaufsmanagerindex für Deutschland sprang im September um 2,0 auf 53,8 Punkte, die Eurozone erreichte mit 53,1 das höchste Niveau seit April 2023, und die OECD hob die deutsche Wachstumsprognose für 2026 von 0,7 auf 1,1 Prozent an. Brent fiel nach dem Vorwochenhoch von bis zu 110 Dollar wieder unter die 100-Dollar-Marke.

Das Problem ist die Kehrseite guter Nachrichten: Starke Konjunkturdaten nähren die Erwartung weiterer EZB-Zinsschritte. Der Einlagensatz steht nach der September-Anhebung bei 2,5 Prozent, der Markt preist bis Juni 2027 drei weitere Erhöhungen ein, ein Schritt bereits im Oktober gilt als möglich. Die zehnjährige Bundrendite notiert bei 3,45 Prozent. Geopolitisch bleibt alles offen: Drei Stunden US-Iran-Gespräche bei der UN brachten keine öffentlichen Zugeständnisse, Irans Präsident Pezeshkian erklärte, Teheran werde nicht kapitulieren. Am Donnerstag trifft Trump Xi Jinping zu Gesprächen über Handel, KI und Lieferketten – wie die Chip-Werte darauf reagieren, dürfte zeigen, ob die heutige Rotation von Dauer ist.

Krypto kurz: der Verfall am Freitag als Unruheherd

Bitcoin konsolidiert nach der 13-Prozent-Wochenrally zwischen 85.000 und 86.000 Dollar. Der eigentliche Termin ist Freitag, 25. September, 10 Uhr MESZ: Auf Deribit verfallen Optionen im Wert von rund 18 Milliarden Dollar, davon knapp 16 Milliarden auf Bitcoin. Das Put/Call-Verhältnis liegt bei 0,69, mehr als die Hälfte der Calls ist im Geld, und das Max-Pain-Level bei 75.000 Dollar liegt weit unter dem aktuellen Kurs. Nach Angaben von Deribit hat Dealer-Hedging die Rally von 80.000 auf 87.000 Dollar verstärkt – entfällt dieser Effekt nach dem Settlement, dürfte die Schwankungsbreite zunehmen. Strategy hat nach dreiwöchiger Pause 950 Bitcoin für rund 76 Millionen Dollar gekauft, die Aktie gibt trotzdem knapp 2 Prozent ab.

Marschroute

Rheinmetall: Der Schluss über 1.000 Euro ist Pflicht, das Tageshoch bei 1.024 Euro der Trigger nach oben, 902,50 Euro die letzte Verteidigungslinie. SAP muss 187,70 Euro nehmen, sonst bleibt Jefferies‘ 220-Euro-Ziel Theorie. Siemens Energy: 143,70 Euro als Test des Wochenmomentums. DAX: Unter 25.775 Punkten gilt Vorsicht, das Tagestief um 25.365 ist die kurzfristige Unterstützung. Bitcoin: Widerstände bei 86.935 und 89.825 Dollar, Unterstützungen bei 84.569 und 82.000 Dollar – und am Freitag den Verfall im Blick. Termine: Trump und Xi am 24. September, Deribit-Verfall am 25. September, Micron-Zahlen am 30. September nach US-Börsenschluss.