Liebe Traderinnen und Trader,

25.300 Punkte – tiefer stand der DAX seit zwei Monaten nicht. Volkswagen zog den Leitindex mit einer Gewinnwarnung und einer Sechs-Milliarden-Euro-Abschreibung auf die Porsche AG nach unten, das Monatsminus im September summiert sich auf 3,6 Prozent. Wer aber nur auf den Index starrt, übersieht die eigentliche Geschichte der Woche: Versorger und Infrastrukturwerte behaupten sich deutlich robuster als der breite Markt. Das ist die Rotationsstory, die für die kommenden Handelstage konkrete Marken liefert.

Siemens Energy verlässt die Gefahrenzone

Nach zwei starken Handelstagen in Folge schloss die Aktie am Freitag bei 140,98 Euro und hat sich damit aus der charttechnischen Gefahrenzone zwischen 131 und 133 Euro gelöst, in die sie seit dem 12. September durch die KI-Bremsdebatte gerutscht war. Die fundamentale Basis dafür liefert das jüngste Quartal: Auftragseingang 17,9 Milliarden Euro, Umsatz plus 18,5 Prozent auf 11,4 Milliarden Euro, Auftragsbestand 162 Milliarden Euro. Für das Gesamtjahr rechnet der Konzern mit 14 bis 16 Prozent Umsatzwachstum und einer Marge am oberen Ende der Spanne von 10 bis 12 Prozent, flankiert von einem Aktienrückkauf von bis zu 3 Milliarden Euro als Teil eines bis 2028 laufenden 6-Milliarden-Euro-Programms. Wer die Aktie hält, sollte zudem die laufende Vorbereitung zur Verselbstständigung der Sparte „Transformation of Industries“ beobachten – einen konkreten Zeitplan gibt es noch nicht, aber der Schritt dürfte die Bewertung der Restgesellschaft mittelfristig neu justieren. Trotz der Erholung bleibt die Aktie rund ein Viertel unter ihrem Ende-April-Rekordhoch entfernt: Der Vertrauensverlust der vergangenen Monate ist noch nicht aufgeholt, auch wenn Analysten im Schnitt deutlich höhere Kursziele ansetzen.

RWE bleibt der ruhige Pol im DAX

Während Autowerte am Freitag, dem Verfallstag, zweistellig prozentual einbrachen und die Deutsche Telekom mit einem Kursrückgang von 4,2 Prozent der größte DAX-Verlierer außerhalb des Automobilsektors war, bewegte sich RWE mit minimalen Ausschlägen seitwärts und markierte bereits am Donnerstag ein neues 52-Wochen-Hoch. Das operative Bild stützt diese Stabilität: Das jüngste Ergebnis je Aktie mehr als verdoppelte sich im Jahresvergleich, und der Konzern stellt auch bei der Dividende eine spürbare Steigerung gegenüber dem Vorjahr in Aussicht. Genau diese Berechenbarkeit macht RWE in einer Woche, in der die Zinsangst die Kurse dominierte, zum defensiven Anker. Ein Termin, der die Versorgerwerte in der kommenden Woche bewegen dürfte: die Bundestagsdebatte am 24. September über das Netzanschlusspaket. Zwölf Konzerne, darunter Siemens Energy, RWE, EnBW und Uniper, fordern mildere Regeln bei der Abregelung von Ökostrom-Anlagen – ein regulatorisches Detail mit direkter Relevanz für die Investitionspläne der Branche angesichts des wachsenden Strombedarfs durch KI-Rechenzentren.

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Deutsche Telekom, der brüchige Anker

Ausgerechnet die Aktie, die Anlegern in unruhigen Phasen sonst Stabilität bietet, verlor am Freitag 4,2 Prozent auf 27,15 Euro. Auslöser war keine eigene Unternehmensmeldung, sondern eine Abstufung des Wettbewerbers Orange durch Morgan Stanley auf „Underweight“, die den gesamten europäischen Telekom-Sektor mit nach unten zog – verstärkt durch Kursschwäche bei der US-Tochter T-Mobile US infolge gestiegener amerikanischer Zinsen. Charttechnisch hinterließ das Spuren: Der gleitende 38-Tage-Durchschnitt wurde nach unten gekreuzt, ein klar bearishes Signal. Gleichzeitig klafft eine auffällige Lücke zum durchschnittlichen Analysten-Kursziel von 35,84 Euro – mehr als 30 Prozent über dem aktuellen Niveau. Für Trader bleibt die Abwägung: Sektor-Kollateralschaden mit Einstiegschance, oder ein Warnsignal, dass die US-Wachstumsstory brüchiger wird als gedacht?

Bilfinger zeigt die Grenzen der Rotation

Nicht jede Infrastrukturaktie profitiert gleichermaßen. Der Industriedienstleister stürzte um bis zu 25 Prozent auf 55,60 Euro ab, nachdem das Unternehmen seine Jahresprognose spürbar kappte: Die bereinigte EBITA-Marge soll nur noch 4,6 bis 5,0 Prozent statt zuvor 5,8 bis 6,2 Prozent erreichen, der freie Cashflow sinkt von geplanten 250 bis 300 Millionen Euro auf 180 bis 220 Millionen Euro. Die Deutsche Bank senkte ihr Kursziel von 125 auf 100 Euro, bestätigte aber die Kaufempfehlung – Analyst Michael Kuhn verweist auf das Sparprogramm „Agile“, mit dem das Management schnell gegensteuere. Berenberg bleibt mit 92,50 Euro deutlich zurückhaltender, Oddo BHF stufte die Aktie sogar auf „Neutral“ ab. Pauschalurteile über den Infrastruktur-Sektor führen derzeit in die Irre.

DAX an der Weggabelung: 25.300 oder 25.908?

Nach der dritten Verlustwoche in Folge verläuft die entscheidende Unterstützung bei 25.300 Punkten; darunter würde die Marke von 25.000 Punkten zum nächsten kritischen Test. Auf der Oberseite liegen die ersten Widerstände bei 25.908 und 26.164 Punkten – Niveaus, die im Erholungsfall schnell erreicht werden könnten, bevor der Blick auf das bisherige Jahreshoch bei rund 26.600 Punkten fällt.

Marschroute

Die Rotation in Versorger und Infrastruktur ist keine Zufallsbewegung, sondern die Reaktion auf die Zinsdebatte: Kapital sucht dort Stabilität, wo Cashflows planbar sind – bei RWE mehr als verdoppelt, bei Siemens Energy mit 162 Milliarden Euro Auftragsbestand gepolstert. Für die kommende Woche zählen drei Marken: 25.300 Punkte im DAX als Verteidigungslinie, die Bundestagsdebatte am 24. September zum Netzanschlusspaket als Katalysator für die Versorgerwerte, und 35,84 Euro als Zielmarke, an der sich zeigt, ob die Telekom-Schwäche nur Sektor-Lärm war oder mehr. Das Wochenende geht zu Ende, der Xetra-Handel am Montag liefert die erste Antwort.

Gute Trades, Ihr Andreas Sommer