Die Finanzmärkte halten am 2. Juli den Atem an. Ein wichtiger US-Arbeitsmarktbericht steht bevor, während ein historischer Ausverkauf bei Chip-Aktien die Anleger zusätzlich verunsichert. Gleichzeitig sorgt der neue Fed-Chef Kevin Warsh mit einem überraschend restriktiven Ton für Nervosität an den Börsen.

Die US-Futures notierten am Donnerstagmorgen kaum verändert: Der Dow legte leicht zu, während S&P-500- und Nasdaq-Futures nachgaben. Diese Verunsicherung ist kein Zufall, sondern das Ergebnis mehrerer sich überlagernder Krisenherde – vom Nahost-Konflikt über eine fragile Zinspolitik bis hin zu einem Beben in der Chipbranche.

Countdown zu den US-Jobdaten

Im Zentrum der Aufmerksamkeit steht der Nonfarm-Payrolls-Bericht für Juni, der wegen des Feiertags am Freitag ausnahmsweise donnerstags veröffentlicht wird. Ökonomen rechnen mit einem Stellenzuwachs von rund 110.000 bis 114.000 – deutlich weniger als die 172.000 im Mai. Die Schätzungen schwanken allerdings enorm, von 25.000 bis 200.000 Jobs, was die Chance auf eine handfeste Überraschung erhöht.

Besonders brisant: Die vergangenen drei Monatsberichte übertrafen jeweils die Erwartungen, wodurch der Drei-Monats-Durchschnitt auf ein Zwei-Jahres-Hoch von 188.000 kletterte. Ein robuster Arbeitsmarkt würde der US-Notenbank theoretisch mehr Spielraum geben, die Zinsen zur Inflationsbekämpfung anzuheben – ohne den Jobmarkt massiv zu gefährden. Doch schwächer als erwartete Daten zu den privaten Beschäftigtenzahlen und der Industrieaktivität haben diese Erwartung zuletzt schon gedämpft.

Genau hier setzt Fed-Chef Kevin Warsh an. Er erklärte am Mittwoch, die Inflationsrisiken seien zwar gesunken, doch er werde am 2-Prozent-Ziel der Notenbank festhalten und all jene „enttäuschen“, die auf eine lockere Geldpolitik hofften. Präsident Donald Trump hatte wiederholt niedrigere Zinsen gefordert und Warshs Vorgänger Jerome Powell für dessen restriktiven Kurs kritisiert. Dass Warsh trotz politischen Drucks auf Distanz zu geldpolitischen Vorgaben besteht, hat ihm interessanterweise auch international Respekt eingebracht: Beim Notenbanktreffen in Sintra suchten Notenbanker aus aller Welt – darunter EZB-Präsidentin Christine Lagarde – demonstrativ die Nähe zum neuen Fed-Chef. Offenbar wächst die Hoffnung, dass die Fed trotz des Wechsels an der Spitze ein verlässlicher Partner der internationalen Geldpolitik bleibt.

Chip-Aktien im Abwärtsstrudel

Während die Blicke auf die Jobdaten gerichtet sind, sorgt ein anderes Thema für noch heftigere Kursausschläge: der Halbleitersektor. Nach einem sagenhaften Quartalsgewinn von 87 Prozent brachen US-Chipwerte am Mittwoch um 6 Prozent ein. Der Ausverkauf setzte sich in Asien fort – Südkoreas Kospi-Index stürzte um 7,8 Prozent ab, SK Hynix verlor 14 Prozent, Samsung Electronics knapp 9 Prozent. Das südkoreanische Leitbarometer hatte im zweiten Quartal noch ein Plus von 68 Prozent verzeichnet, angetrieben von der KI-Nachfrage nach Speicherchips.

Ausgelöst wurde die Korrektur durch gleich mehrere Nachrichten. Berichten zufolge hat OpenAI durch Software-Optimierungen die Inferenzkosten seiner Modelle um rund die Hälfte gesenkt – was künftig weniger Nvidia-Grafikprozessoren für den Betrieb von ChatGPT nötig machen könnte. Parallel dazu erwägt Meta offenbar, überschüssige Rechenkapazitäten über einen neuen Cloud-Dienst an Dritte zu vermieten, statt weiter massiv in neue Chips zu investieren.

Verschärft wird die Verunsicherung durch ein chinesisches Modell namens GLM-5.2 des Start-ups Z.ai, das in Silicon Valley für Aufsehen sorgt. Mit beeindruckenden Programmier- und Agentenfähigkeiten kommt es nahe an westliche Spitzenmodelle heran – zu einem Bruchteil der Kosten. Auf der Entwicklerplattform OpenRouter rangiert GLM-5.2 inzwischen vor Anthropic-Modellen. Sollten günstigere, effizientere KI-Systeme aus China und optimierte US-Software tatsächlich den Bedarf an immer neuer, teurer Chip-Hardware dämpfen, wäre das ein fundamentaler Bruch mit der bisherigen Wachstumsstory der Halbleiterbranche. Marktbeobachter sprechen zwar vorerst eher von Gewinnmitnahmen nach einer „unglaublichen“ Rally als von einem Strategiewechsel – ganz von der Hand zu weisen ist die tiefere Sorge aber nicht.

Yen und Dollar in Wartestellung

Auch an den Devisenmärkten herrscht Anspannung. Der Dollar gab vor den Jobdaten nach, der Euro kletterte auf 1,1417 Dollar, das Pfund auf 1,3353 Dollar. Besonders im Fokus steht der japanische Yen, der nahe einem 40-Jahre-Tief zur US-Währung notiert. Am Donnerstagmorgen sprang der Yen plötzlich nach oben und drückte den Dollar um 0,9 Prozent auf 161,15 Yen – ein Muster, das Händler an eine mögliche Intervention der japanischen Behörden erinnert, auch wenn die Bewegung diesmal moderater ausfiel als bei früheren Eingriffen.

Die Logik dahinter: Ein schwacher US-Jobbericht würde es der Fed erschweren, eine weitere Zinsanhebung zu rechtfertigen, was wiederum den Dollar schwächen und dem Yen Auftrieb geben würde. Genau darauf könnten Tokios Währungshüter spekuliert haben, sollten sie tatsächlich schon vorab eingegriffen haben.

Öl fällt, Gold gefragt

Entlastung kommt von der Ölfront. Brent-Rohöl fiel um ein weiteres Prozent auf 70,88 Dollar je Barrel, ein Vier-Monats-Tief. Grund sind Fortschritte bei den indirekten Gesprächen zwischen den USA und Iran in Doha, auch wenn ein Durchbruch zu einem dauerhaften Frieden weiterhin aussteht. Mehr Öltanker passierten zuletzt die Straße von Hormus, was die Versorgungssorgen dämpft. Gold hingegen legte um 1,4 Prozent auf 4.078 Dollar je Unze zu – eine Erholung nach einem Kursrutsch von 14 Prozent im zweiten Quartal, getrieben von der allgemeinen Nervosität vor den Jobdaten.

Ausblick

Der Nachmittag dürfte zeigen, welche der beiden Kräfte die Oberhand behält: ein robuster Arbeitsmarkt, der Warshs Hardliner-Kurs stützt, oder schwächere Zahlen, die den Märkten eine Verschnaufpause verschaffen. Fest steht schon jetzt, dass viele Anleger den eigentlichen Test erst für den 14. Juli erwarten, wenn die Verbraucherpreisdaten für Juni ein klareres Bild der Inflation liefern. Bis dahin bleibt der Handel geprägt von Unsicherheit – über die Zinspolitik, über die Zukunft der KI-Chip-Nachfrage und darüber, wie lange Tokio dem Yen-Verfall noch tatenlos zusehen wird.