Liebe Leserinnen und Leser,

der DAX markiert Rekordhoch um Rekordhoch – und genau das macht ihn für die kommende Woche zum uninteressantesten Chart auf dem Bildschirm. Die spannenderen Bewegungen spielen sich in der zweiten Reihe ab, bei Einzeltiteln mit frischem Katalysator. Die These ist einfach: Relative Stärke schlägt gerade den Index. Der Auslöser dafür kam am Donnerstag aus Washington.

Der schwache Jobreport verschiebt die Rotation

Die Juni-Arbeitsmarktdaten fielen schwächer aus als erwartet, der Nasdaq gab daraufhin 0,8 Prozent nach. Wall-Street-Analysten reagierten prompt – aber nicht mit einem pauschalen Rückzug aus Risiko, sondern mit selektiven Neubewertungen: DA Davidson stufte Palantir wegen KI-Fortschritten hoch, Wolfe Research hob Chevron wegen der Cashflow-Aussichten an, während Oppenheimer die Großbanken herunterstufte – Begründung: später Zykluspunkt. Für Trader ist das die eigentliche Botschaft der Woche: Breite Indexwetten werden gerade nicht belohnt, klar definierte Einzelkatalysatoren schon.

Anzeige

Während der Nasdaq auf schwache Arbeitsmarktdaten reagiert und Analysten längst nicht mehr pauschal auf Big Tech setzen, rückt eine grundlegendere Frage in den Fokus: Wohin fließt das Kapital, wenn die Konzentration auf wenige Tech-Giganten riskanter wird? Börsenexperte Henrik Voigt analysiert im kostenlosen Sonderreport die „Rolling Recovery“-Strategie und nennt drei konkrete US-Aktien abseits von Nvidia & Co., die von der Sektor-Rotation profitieren könnten. Kostenlosen Sonderreport zur US-Sektor-Rotation sichern

Micron: Der Speicherzyklus liefert die Zahlen, die die Rallye rechtfertigen

Am 24. Juni hat Micron die Blaupause für dieses Muster geliefert. Der Umsatz sprang von 9,3 auf 41,5 Milliarden Dollar – deutlich über dem Konsens von 35,8 Milliarden. Die Bruttomarge kletterte von 37,7 auf 84,6 Prozent, das bereinigte EPS lag bei 24,67 Dollar. Für das laufende Quartal stellt das Management rund 50 Milliarden Dollar Umsatz und ein EPS von etwa 30,73 Dollar in Aussicht. Entscheidend für die Nachhaltigkeit der Story: Die HBM-Lieferungen sind bis 2027/2028 ausgebucht, 16 strategische Kundenverträge sichern bereits 22 Milliarden Dollar an Vorauszahlungen.

Das ist kein Hype ohne Substanz – aber auch keine billige Aktie mehr. Bei einem Forward-KGV von rund 7x auf Basis der Schätzungen für 2027 und einem Kursplus von 236 Prozent seit Jahresbeginn stellt sich die berechtigte Frage, wie viel vom Zyklus bereits eingepreist ist. Barclays und Susquehanna sehen dennoch Potenzial bis 2.000 Dollar. Wer hier einsteigt, kauft Momentum – und akzeptiert, dass die Bewertung keinen Fehler mehr verzeiht.

Intel: Das höchste Kursziel der Wall Street kommt von einem Skeptiker-Lager

Der interessantere Relative-Stärke-Kandidat sitzt allerdings nicht im Speicher-, sondern im Foundry-Geschäft. HSBC hat das Kursziel für Intel von 100 auf 200 Dollar verdoppelt – das höchste an der gesamten Wall Street – und das „Buy“-Rating bestätigt. Analyst Frank Lee begründet das mit einem erwarteten Anstieg der Server-CPU-Lieferungen um 25 Prozent im Jahr 2026 und 30 Prozent im Jahr 2027. Intels EMIB-Technologie verschafft dabei einen Vorteil, solange TSMC-Kapazitäten bis Ende 2027 knapp bleiben. Apple und Terafab sind bereits Foundry-Partner, Gespräche mit Google und Nvidia laufen.

Am Freitag eröffnete die Aktie bei 120,35 Dollar – weit entfernt vom HSBC-Ziel. Das jüngste Quartals-EPS von 0,29 Dollar hatte den Konsens von 0,01 Dollar klar übertroffen. Wer hier kauft, wettet auf eine Foundry-Wende, die operativ noch nicht bewiesen ist. Der Abstand zwischen Kurs und Kursziel zeigt: Die Skepsis gegenüber Intel sitzt tief – und genau das macht das Setup für Anleger mit längerem Atem reizvoll.

ServiceNow: Der Markt beginnt, KI-Gewinner von KI-Kostenträgern zu trennen

Auf der Gegenseite der Rotation steht die Skepsis gegenüber teuren KI-Roadmaps. Jim Cramer warnte zuletzt, die jüngsten Gewinne bei ServiceNow und Salesforce könnten „ephemer“ sein – KI-Plattformen wie Anthropics Claude bauten Jobs ab und schadeten damit den SaaS-Anbietern, deren Geschäftsmodell auf Softwarelizenzen für genau diese Aufgaben beruht. Beide Titel liegen seit Jahresbeginn 31 respektive 38 Prozent im Minus.

Die Fakten zeichnen aber kein einheitliches Bild. ServiceNow schloss am 2. Juli bei 106,06 Dollar, das KGV steht bei 63,20 – teuer, aber nicht absurd für einen Software-Wert dieser Kategorie. Der Analystenkonsens bleibt mit „Moderate Buy“ und einem Kursziel von 141,68 Dollar (rund 34 Prozent Upside) konstruktiv, Guggenheim stufte den Titel am selben Tag sogar auf „Buy“ hoch. Gleichzeitig verkauften Insider in den vergangenen drei Monaten Aktien im Wert von 2,53 Millionen Dollar. Zwei Signale, die in unterschiedliche Richtungen zeigen – das ist selten ein Zufall. Für Anleger heißt das: Software-Titel mit teurer KI-Roadmap gehören auf die Watchlist, aber die Richtung entscheidet erst das nächste Quartal, nicht die aktuelle Analystenmeinung.

IT-Services und zwei Turnaround-Wetten

Ein oft übersehener Winkel: HCLTech sicherte sich am 3. Juli einen Auftrag über 1,14 Milliarden Dollar von einem europäischen Kunden – von digitaler Infrastruktur über Cloud-Operationen bis zu Managed Services. Analysten werten das als positives Signal für den gesamten indischen IT-Sektor, trotz makroökonomischer Unsicherheit und KI-Disruption. Für Anleger, die den Sektor spielen wollen, ist das ein fundamentaler Ankerpunkt statt reiner Bewertungsspekulation.

Zwei weitere Namen gehören auf die Watchlist der Geduldigen. Kyndryl erweiterte am 1. Juli seine Partnerschaft mit Microsoft für Cloud-Souveränität – die Aktie sprang am Ankündigungstag um 6,1 Prozent auf 12,00 Dollar. Auf Jahressicht steht der Titel dennoch bei minus 71,1 Prozent, seit Jahresbeginn bei minus 53,9 Prozent. Das Forward-KGV von 7,34 (Sektor: 24,85) und ein Hyperscaler-Geschäft von fast 2 Milliarden Dollar (plus 59 Prozent im Jahresvergleich) liefern den Turnaround-Case – das verfehlte Quartals-EPS von 0,18 Dollar gegen erwartete 0,47 Dollar mahnt aber zur Vorsicht.

Anzeige

Ob Micron, Intel oder ServiceNow – der rote Faden dieser Woche ist die Frage, wer wirklich vom KI-Boom profitiert und wer nur mitschwimmt. Ein kostenloser Report von finanztrends.de nennt die Top 10 der Big-Data-Aktien, die Anleger jetzt auf dem Schirm haben sollten, bevor der breite Markt aufwacht. Kostenlosen Megatrend-KI-Report herunterladen

Waystar erhielt von KeyBanc ein „Overweight“ und sprang an einem Handelstag um 9,5 Prozent. Bei einem Kurs von 23,46 Dollar gegen einen Fair Value von 33,83 Dollar – rund 30,6 Prozent Unterbewertung – ist die 1,25-Milliarden-Dollar-Übernahme von Iodine Software der Treiber; sie soll den adressierbaren Markt um mehr als 15 Prozent vergrößern. Die durch den Deal gestiegene Verschuldung bleibt das Risiko, das jeder Einstieg einpreisen muss.

Ein reiner Wachstums-Play ohne Substanzdebatte: Benchmark hob am 2. Juli das Datadog-Kursziel von 260 auf ein Street-High von 330 Dollar an, „Buy“-Rating bestätigt. Der Titel liegt seit Jahresbeginn bereits über 90 Prozent im Plus, getrieben von F&E-Ausgaben über 1 Milliarde Dollar in 2025 und dem KI-Produkt Bits AI. Für 2026 werden 26,8 Prozent Umsatzwachstum und eine Free-Cash-Flow-Marge von 26,4 Prozent erwartet. Wer hier einsteigt, kauft Momentum pur – Bewertungsdiskussionen treten bewusst in den Hintergrund.

Quintessenz

Die kommende Woche steht im Zeichen der Rotation, nicht der Index-Euphorie: der Speicherzyklus rund um Micron als Rückgrat, Intel als Foundry-Nachzügler mit dem höchsten Kursziel der Wall Street, IT-Services mit fundamentalem Rückenwind – und auf der Gegenseite die offene Frage, wie der Markt teure KI-Roadmaps künftig bepreist. Der schwache Juni-Arbeitsmarktbericht bleibt dabei der Dämpfer im Hinterkopf: Er nimmt Druck vom Zins, signalisiert aber zugleich nachlassende Konjunkturdynamik. Gehandelt wird deshalb mit definierten Stopps – nicht mit der Annahme, dass jeder Kursziel-Sprung sich automatisch einlöst.

Herzlichst, Ihr Andreas Sommer