Liebe Börsenfreundinnen und Börsenfreunde,

die Börse traut vollen Auftragsbüchern gerade nicht über den Weg. Rheinmetall fällt nach der zweiten Prognosesenkung binnen etwa drei Monaten auf ein neues 52-Wochen-Tief. Hensoldt meldet zugleich einen Rekordauftragsbestand, und auch diese Aktie wird verkauft.

Klingt widersprüchlich? Das sagt mehr über die Erwartungen der Anleger als über das Geschäft. Genau darum geht es heute, dazu um die Telekom, das Übernahmeringen in der Chemie und die Erholung bei den Chipwerten.

Rheinmetall verliert das Vertrauen der Analysten

Rheinmetall steckt in einer Vertrauenskrise. Die Aktie notiert im Verlauf bei knapp 816 Euro. Seit dem Hoch im Januar hat sie mehr als die Hälfte verloren. Auslöser der jüngsten Welle ist die erneute Gewinnwarnung vom Donnerstag. Dazu kommen verschobene Boxer-Aufträge und Donald Trumps Ankündigung eines großen Ukraine-Abkommens.

Heute ziehen die Analysten nach, und zwar im Dutzend. Oddo BHF stuft von „Outperform“, einer Wette auf ein besseres Abschneiden als der Markt, auf Neutral ab und senkt das Kursziel von 1.670 auf 1.200 Euro. Auch Bernstein streicht die Kaufempfehlung.

Wo liegt der Haken? Bis 2030 verspricht das Management rund 50 Milliarden Euro Umsatz, dafür wäre ein Wachstum von fast 40 Prozent pro Jahr nötig. Der Auftragsbestand ist real, doch nach den Warnungen steht in Frage, ob Rheinmetall ihn auch in Umsatz verwandeln kann. Bis zum Kapitalmarkttag am 27. November, an dem ein glaubwürdiger Fahrplan auf den Tisch muss, ist jeder Einstieg eine Wette auf diesen Termin.

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Hensoldt: Rekordbücher, aber kein Kredit

Hensoldt liefert das Gegenstück: Die Zahlen sind glänzend, die Aktie fällt trotzdem deutlich. Der Sensorspezialist hat in den ersten neun Monaten den Auftragseingang um 77 Prozent gesteigert. Der Auftragsbestand liegt mit 10,37 Milliarden Euro auf Rekordniveau, die Jahresprognose wurde angehoben.

Warum verkaufen Anleger trotzdem? Die Erklärung liegt weniger bei Hensoldt als bei Rheinmetall. Wer gerade erlebt, dass ein voller Auftragsbestand beim Branchenprimus nicht vor Gewinnwarnungen schützt, misstraut auch den Rekordbüchern des kleineren Nachbarn. Die Deutsche Bank bestätigt Kaufen mit Ziel 105 Euro, klar über dem Kurs von gut 77 Euro.

Der Kapitalmarkttag am Dienstag in London wird damit zum Test. Hensoldt muss dort die Lieferfähigkeit belegen, die man Rheinmetall gerade abspricht. Auch Saab aus Schweden gibt leicht nach, obwohl der Konzern im dritten Quartal kräftig gewachsen ist. Der Sektor wird pauschal verkauft, nicht nach Qualität sortiert.

Deutsche Telekom: Gute Zahlen, enttäuschender Rückkauf

Szenenwechsel nach Bonn. Die Deutsche Telekom hat bei Umsatz, Ergebnis und Cashflow die Erwartungen übertroffen. Cashflow meint das Geld, das tatsächlich in die Kasse fließt. Dazu kündigte der Konzern eine Rekorddividende von 1,10 Euro an.

Der Markt hängt sich trotzdem am geplanten Aktienrückkauf für 2027 auf, der kleiner ausfällt als erhofft. Hinzu kommen Sorgen um neue Konkurrenz durch SpaceX im Mobilfunk. Goldman Sachs senkt das Kursziel von 38 auf 36 Euro, bleibt aber bei Kaufen.

Was heißt das für Dividendenjäger? Auf Basis der angekündigten Ausschüttung liegt die Dividendenrendite bei rund 4,2 Prozent, also mehr als vor einem Jahr. Dafür tragen Anleger das Risiko, dass der Markt die Satelliten-Konkurrenz ernster nimmt als die Analysten.

Chemie: Evonik bleibt beim Nein

Evonik hat seine Ablehnung des Übernahmeangebots von BASF erneut bekräftigt. BASF gibt im Verlauf nach, nachdem die Aktie am Donnerstag noch ein Hoch markiert hatte. Bemerkenswert ist, dass das mittlere Analystenziel von 51,64 Euro schon unter dem Kurs von gut 54 Euro liegt. Die Übernahmefantasie hat die Aktie schneller getrieben, als die Analysten ihre Modelle angepasst haben.

Wer kommt als Nächstes ins Spiel? Lanxess, die Aktie sprang am Donnerstag zeitweise um 20 Prozent. Vorstandschef Matthias Zachert nennt den BASF-Vorstoß eine logische Folge und erklärt Zusammenschlüsse zum Ziel, sobald das Geschäft stabil ist. Kommt BASF bei Evonik nicht weiter, ist Lanxess damit der nächste Kandidat.

Die EU-Kommission hat zudem die Fusion von AkzoNobel und Axalta heute unter Auflagen freigegeben. Brüssel blockiert große Chemiedeals also nicht, verlangt aber Zugeständnisse.

Chips: Erholung mit offenem Ausgang

Nach dem schwersten Tag für Halbleiteraktien seit 2020 erholt sich der Sektor heute. Nvidia, AMD, Micron und Intel liegen in New York im laufenden Handel zwischen 4 und 9 Prozent im Plus. Auch Siemens Energy zieht an, nachdem die Aktie in dieser Woche auf ein Sechsmonatstief gefallen war.

Infineon profitiert zusätzlich von einer geplanten EU-Chipförderung über 500 Millionen Euro. Nächste Woche legen Infineon am Dienstag und Siemens Energy am Mittwoch Zahlen vor. Dann zeigt sich, ob die Sorgen um Baustopps bei US-Rechenzentren schon in den Auftragsbüchern ankommen.

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Was jetzt zählt

Bei den Rüstungsaktien reichen volle Auftragsbücher nicht mehr, der Markt will Lieferbelege sehen. Den ersten Test liefert Hensoldt am Dienstag, den entscheidenden Rheinmetall am 27. November. Bei den Chipwerten zeigt die kommende Woche mit Infineon und Siemens Energy, ob die Erholung vom Freitag trägt oder nur eine Atempause im Abverkauf war.

Und in der Chemie steht BASF unter Zugzwang. Entweder wird das Angebot besser, oder die Konsolidierung findet woanders statt. Genug Stoff also, um am Wochenende in Ruhe die eigenen Depotwerte durchzugehen.

Viele Grüße vom Treff, Ihr Andreas Sommer