Es gibt diese Momente an der Börse, in denen Rekordzahlen nicht reichen. Western Digital hat am Mittwoch ein Quartal vorgelegt, das auf dem Papier beeindruckt: Umsatz und Gewinn lagen über den Erwartungen der Analysten. Und doch brach die Aktie tags darauf zweistellig ein. Wer verstehen will, warum ausgerechnet ein starkes Ergebnis einen Kurssturz auslöst, muss sich den größeren Bogen ansehen, in dem sich die Festplattenbranche gerade bewegt.
Am Donnerstag schloss das Papier bei 392,35 Euro, ein Minus von 12,80 Prozent binnen eines Handelstages. Das ist der Preis, den ein Unternehmen zahlt, wenn der Markt schon mehr eingepreist hatte, als selbst gute Zahlen liefern konnten. Auf Sicht von zwölf Jahresmonaten steht dennoch ein Plus von 514,20 Prozent zu Buche – ein Anstieg, der zeigt, wie sehr die Erwartungshaltung an Speicherhersteller im Zuge des KI-Booms explodiert ist. Genau diese Dynamik kippte am Donnerstag: Wenn die Messlatte einmal in den Himmel gehoben wurde, reicht plötzlich auch ein Wachstumssprung nicht mehr.
Zahlen, die eigentlich überzeugen sollten
Der Umsatz kletterte im vierten Geschäftsquartal auf 3,75 Milliarden Dollar, ein Plus von 44 Prozent gegenüber dem Vorjahr und mehr, als Analysten mit 3,69 Milliarden Dollar veranschlagt hatten. Der bereinigte Gewinn je Aktie lag bei 3,56 Dollar, deutlich über der Konsensschätzung von 3,29 Dollar. Für das laufende erste Quartal des Geschäftsjahres 2027 stellte das Management einen Umsatz zwischen 4,0 und 4,2 Milliarden Dollar sowie einen bereinigten Gewinn je Aktie zwischen 3,85 und 4,15 Dollar in Aussicht. Beides wäre erneut Wachstum – nur eben nicht so viel Wachstum, wie manch einer nach Monaten euphorischer Kursziel-Anhebungen erhofft hatte.
Genau hier liegt die eigentliche Geschichte dieses Tages: Der Markt hatte sich an eine Erzählung von unaufhaltsamem KI-getriebenem Speicherhunger gewöhnt. Als das Management eine solide, aber nicht spektakuläre Prognose lieferte, wurde daraus ein Realitätscheck.
HAMR als Nagelprobe
Western Digital steckt mitten im technologischen Umbau seiner Festplattenproduktion. CEO Irving Tan bestätigte, dass das Unternehmen weiterhin plant, seine 44-Terabyte-Festplatten auf Basis der Heat-Assisted-Magnetic-Recording-Technologie (HAMR) in der ersten Hälfte des Kalenderjahres 2027 auszuliefern. Diese Technologie soll deutlich höhere Speicherdichten ermöglichen – doch sie ist zugleich der Grund, warum das Analysehaus Summit Insights seine Einstufung am Donnerstag von Kaufen auf Halten zurückstufte. Die Begründung: Ausführungsrisiken und mögliche Belastungen der Bruttomarge während der Umstellung.
Auf der anderen Seite der Meinungsbandbreite steht Morgan Stanley. Die Bank hob ihr Kursziel am selben Tag von 650 auf 676 Dollar an und bekräftigte ihre Übergewichten-Einstufung im direkten Anschluss an die Quartalszahlen. Zwischen diesen beiden Polen – Sorge um Margen versus Vertrauen in die Wachstumsstory – bewegt sich derzeit die gesamte Debatte um die Aktie. Der durchschnittliche Kursziel-Konsens der Wall-Street-Häuser war Ende Juli bereits auf rund 652 Dollar geklettert, ein Sprung von gut 20 Prozent gegenüber dem Vormonat. Diese Erwartungsspirale macht jede Prognose zur Hochspringlatte.
Wer kauft, wer verkauft
Auffällig ist das Bild bei Insidern und institutionellen Anlegern in den vergangenen Wochen: Während Führungskräfte wie ein Direktor und die Chefjuristin des Unternehmens im Juli kleinere Aktienpakete abstießen, baute die Fondsgesellschaft Janus Henderson ihre Position aus, und der Großinvestor FMR hält inzwischen einen Anteil von 8,75 Prozent am Unternehmen. Ein einheitliches Stimmungsbild ergibt sich daraus nicht – eher der Eindruck eines Marktes, der die Aktie nach der Abspaltung des Flash-Speichergeschäfts SanDisk im Februar 2025 neu bewerten muss, als reines Festplattenunternehmen ohne die frühere Diversifikation.
Für Aktionäre bleibt zudem der greifbare Baustein einer für September erwarteten Quartalsdividende von 0,15 Dollar je Aktie, nachdem die Ausschüttung zuletzt um 20 Prozent angehoben wurde. Sie ändert nichts an der grundsätzlichen Frage, ob der aktuelle Kursrückgang eine Verschnaufpause nach einem außergewöhnlichen Lauf ist oder der Beginn einer nüchterneren Neubewertung der gesamten Speicherbranche.
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