Liebe Leserinnen und Leser,
53,39 Milliarden Euro Aktienumsatz im ersten Halbjahr — der höchste Wert an der Wiener Börse seit 2008. Während in New York weiter über KI-Bewertungen gestritten wird, hat sich in Wien, Frankfurt und an den Rohstoffmärkten eine Rotation vollzogen, die in den Handelsvolumina längst sichtbar ist, in den Schlagzeilen aber noch kaum vorkommt: Banken, Energiedienstleister und klassische Industrie laufen den Tech-Highflyern davon. Für den Wochenstart heißt das: Die interessanteren Setups liegen nicht in neuen Nasdaq-Rekorden, sondern in konkreten charttechnischen Marken bei Finanzwerten und Rohstoffen.
Wien zeigt, wohin das Kapital fließt
Der ATX inklusive Dividenden legte seit Jahresbeginn um 24,86 Prozent zu und markierte am 22. Juni mit 16.547,21 Punkten ein Allzeithoch. Der reine Kursindex notierte am Freitag bei 6.565,92 Punkten (plus 1,06 Prozent), angeführt von Schoeller-Bleckmann Oilfield Equipment (plus 5,24 Prozent), Andritz (plus 2,16 Prozent) und Lenzing (plus 2,78 Prozent) — Ölfeldausrüstung, Maschinenbau, Fasertechnik. Klassische Old Economy also, kein KI-Narrativ.
Bemerkenswerter als die Kursgewinner ist aber die Handelsstatistik: Bei den umsatzstärksten Werten des Halbjahrs dominieren Erste Group Bank (10,29 Mrd. Euro Umsatz), Bawag Group (6,79 Mrd. Euro) und OMV (5,71 Mrd. Euro). Das ist kein Strohfeuer einzelner Handelstage, sondern ein Muster, das sich seit Monaten in den Volumina zeigt. Wer diesen Trend handeln will, sollte liquide Bankaktien und Energiedienstleister priorisieren — statt auf den nächsten Rekord bei Nasdaq-Werten zu warten.
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Der Job-Report gibt den Banken die Planungssicherheit zurück
Was diese Rotation antreibt, lässt sich in Washington verorten. Der US-Arbeitsmarktbericht für Juni fiel mit nur 57.000 neuen Stellen (erwartet: 110.000) deutlich schwächer aus als gedacht, zusätzlich wurden die Vormonate um 74.000 Stellen nach unten revidiert. Citi Research zieht daraus einen klaren Schluss: Die Gründe für weitere Fed-Zinserhöhungen seien „verschwunden“. Die Bank erwartet die erste Zinssenkung um 25 Basispunkte im Oktober, eine weitere im Dezember — der Leitzins läge damit Ende 2026 bei 3,00 bis 3,25 Prozent, gegenüber aktuell 3,50 bis 3,75 Prozent.
Für Bankaktien ist das kurzfristig positiv, auch wenn es paradox klingt: Nicht die Zinssenkung selbst treibt die Kurse, sondern das Ende der Unsicherheit über die Richtung. Erste Group und Bawag profitieren genau davon. Wer Bankwerte hält, sollte die Oktober-Sitzung als eigentlichen Termin im Kalender markieren — vorher dürfte sich wenig Neues bewegen.
Öl: Mehr Angebot, aber der Chart widerspricht dem Angebotsschock
Die Kerngruppe der Opec+ — Saudi-Arabien, Russland, Irak, Kuwait, Kasachstan, Algerien, Oman — erhöht die Förderung im August um täglich 188.000 Barrel. Nach Angaben von n-tv notieren die Preise bereits auf „Vorkriegsniveau“, die nächste Beratung ist für den 2. August angesetzt. Eigentlich ein Rezept für fallende Preise. Doch der Chart zeigt etwas anderes: Brent-Crude macht bei 72,04 US-Dollar (plus 0,60 Prozent) an einer alten Seitwärtsrange Halt, was laut Wallstreet-Online-Analyse auf ein Nachlassen des bisherigen Abwärtstrends hindeutet.
Für Trader ergibt sich daraus ein zweigeteiltes Bild: Fundamental drückt mehr Angebot auf den Preis, technisch spricht die Bodenbildung für eine Stabilisierung oder sogar einen kurzfristigen Bounce. Wichtig für die Auswahl: Energiewerte mit Fokus auf vor- und nachgelagerte Dienstleistungen — wie das eingangs erwähnte Schoeller-Bleckmann — profitieren von einer Stabilisierung tendenziell stärker als reine Förderkonzerne, deren Erlöse direkt am Ölpreis hängen.
DAX-Rekord mit Verfallsdatum
Der DAX sprang am Donnerstag und Freitag auf neue Rekordhochs und schloss die Woche bei 25.804,25 Punkten (plus 0,76 Prozent). Ein Wermutstropfen: Die Umsätze zogen wegen des US-Feiertags nicht mit an, und die Indikatoren gelten als überkauft. Ein Pull-Back an die Ausbruchszone gilt als kaum vermeidbar — das Nebenwerte-Magazin verweist zudem darauf, dass die psychologisch wichtige 26.000er-Marke bereits am Montag fallen könnte, sollte die Rally zunächst weiterlaufen.
Für die Praxis heißt das: Wer long positioniert ist, sollte über engere Stops nachdenken. Wer auf einen Rücksetzer wartet, findet in der genannten Ausbruchszone eine konkrete Wiedereinstiegsmarke. Auch Gold profitiert vom Umfeld nachlassender Zinsangst: Bei 4.174,91 US-Dollar zeigt sich eine beginnende Bodenbildung, ein Anstieg bis 4.400 US-Dollar gilt als möglich — ein Absicherungs-Play für dieselbe These, die auch die Old-Economy-Rotation trägt.
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CO2-Zertifikate: Der Strukturtrend hinter der kurzfristigen Bewegung
Wer über den Wochenstart hinausdenkt, findet im Kohlenstoffmarkt den langfristigen Unterbau dieser Geschichte. Der EU-Emissionshandel bewegte 2023 bereits 1,5 Milliarden Tonnen CO2-Äquivalent bei einem Marktwert von über 120 Milliarden Euro (rund 85 Euro/Tonne). Da die EU die kostenlose Zuteilung bis 2034 auslaufen lässt, erwarten Analysten EUA-Preise von 150 bis 250 Euro pro Tonne bis 2040. Von diesem strukturellen Anstieg profitieren Börsenbetreiber wie die Deutsche Börse über ihre Energiebörse EEX und die Intercontinental Exchange — kein Trade für den Montag, aber ein Baustein für Anleger mit längerem Zeithorizont, die dieselbe Old-Economy-These langfristig spielen wollen.
Quintessenz
Für die kommende Woche zählt weniger die nächste Bitcoin-Bewegung um die 63.000-Dollar-Marke als die Frage, ob sich die alte Wirtschaft — Banken, Energie, Industrie — tatsächlich als neue Führungsgruppe etabliert. Drei Signale werden das in den nächsten Handelstagen zeigen: die Reaktion der Bankaktien auf die klarer werdende Fed-Zinssenkungserwartung für Oktober, die Preisbildung nach der Opec+-Entscheidung und die Frage, ob der überkaufte DAX seinen Pull-Back tatsächlich abliefert. Wer diese drei Marken im Blick behält, handelt nicht die Schlagzeile, sondern die Rotation dahinter.
Ich wünsche Ihnen einen schönen Rest des Wochenendes.
Herzlichst, Ihr Andreas Sommer
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