Wienerberger steckt in einer schwierigen Doppelphase: Der überraschende Rückzug von Konzernchef Heimo Scheuch aus gesundheitlichen Gründen fällt mit einer deutlichen Gewinnwarnung zusammen. Die Aktie notierte zuletzt bei 19,65 Euro und damit nur noch 3,4 Prozent über ihrem 52-Wochen-Tief – ein Beleg dafür, wie stark der Kursdruck der vergangenen Monate war.
Führungswechsel mitten in der Krise
Scheuch, der den Baustoffkonzern lange geprägt hatte, gab seinen Rücktritt am Montag bekannt. Wie wien.ORF.at berichtete, übernimmt Gerhard Hanke interimistisch die Konzernführung.
Hanke ist seit über 25 Jahren im Unternehmen, war zwischen 2021 und 2025 Finanzvorstand, anschließend COO für Zentral- und Osteuropa und seit Juni stellvertretender CEO. Wienerberger hat eine strukturierte Suche nach einem langfristigen Nachfolger eingeleitet – bis eine Entscheidung fällt, bleibt Hanke am Ruder.
Der Zeitpunkt des Wechsels könnte kaum ungünstiger sein. Das Unternehmen kämpft gleichzeitig mit schwächeren Geschäftszahlen und einer gesenkten Jahresprognose, sodass der neue Interimschef sofort operative Antworten liefern muss, statt sich einarbeiten zu können.
Gewinnwarnung wiegt schwer
Im zweiten Quartal stieg der Umsatz um 13 Prozent auf 1,41 Milliarden Euro, das operative EBITDA sank jedoch von 253 auf 230 Millionen Euro. Die Marge im ersten Halbjahr rutschte von 20,3 auf 16,3 Prozent. Wienerberger senkte daraufhin seine Jahresprognose für das operative EBITDA 2026 von über 800 Millionen auf rund 700 Millionen Euro.
Ursache ist vor allem das schwache Neubaugeschäft in den USA, Kanada und Großbritannien, das laut Unternehmensangaben das Ergebnis 2026 um etwa 100 Millionen Euro belastet. Immerhin: Die Sparten Infrastruktur und Renovierung, die inzwischen über 60 Prozent des Konzernumsatzes ausmachen, entwickelten sich robust und dämpften den Rückgang.
Parallel zur schwächeren operativen Entwicklung trieb Wienerberger seine Wachstumsstrategie über Zukäufe weiter voran. Im zweiten Quartal schloss der Konzern die Übernahmen der italienischen Italcer-Gruppe, einem Anbieter von Keramikfliesen und Oberflächenlösungen mit rund 350 Millionen Euro Jahresumsatz, sowie der schwedischen NEWS Group ab, die auf nachhaltige Abwasserlösungen in Nordeuropa spezialisiert ist und einen Jahresumsatz von über 20 Millionen Euro einbringt. Diese Zukäufe erklären einen Teil des Umsatzwachstums, ändern aber nichts an der schwächeren operativen Marge.
Analysten reagierten mit Skepsis
Nach der Gewinnwarnung reagierte die Bank Citi bereits Ende Juli: Am 22. Juli stufte sie die Aktie von „Buy“ auf „Neutral“ zurück und senkte das Kursziel von 30 auf 22 Euro. Die Herabstufung erfolgte noch vor dem CEO-Wechsel und spiegelt vor allem die gesenkte Jahresprognose wider.
Ausblick
Der Titel hat seit Jahresbeginn 36 Prozent verloren und notiert damit deutlich unter seinem 52-Wochen-Hoch von 32,48 Euro aus dem August 2025. Anleger dürften nun zwei Fragen beschäftigen: Wie schnell findet Wienerberger einen langfristigen CEO, und kann sich das Neubaugeschäft in den Kernmärkten stabilisieren, bevor die nächste Prognosekorrektur droht? Antworten könnte die Commerzbank & ODDO BHF Corporate Conference Anfang September liefern, bei der Wienerberger auftreten wird.
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