Liebe Leserinnen und Leser,
am Wochenende schrieb ich Ihnen, die Rotation des Kapitals führe nicht nur in Rohstoffe, sondern auch in Aktien, die niemand auf dem Radar hatte. Der erste Handelstag dieser Woche liefert den Beleg – und er kommt aus einer Richtung, die selbst Optimisten überrascht: aus der Schwerindustrie, aus norddeutschen Windparks, aus den Chipfabriken eines totgesagten Halbleiterkonzerns.
Gleichzeitig verschärft sich das Bild auf der Makroebene. Die Straße von Hormus bleibt für den kommerziellen Schiffsverkehr de facto gesperrt, Präsident Trump hat die Gespräche mit Teheran vorerst abgesagt. Brent-Öl kletterte zum Wochenstart auf über 108 US-Dollar pro Barrel. Die Frage, die diese Woche dominieren wird, ist nicht mehr, ob der Energiepreisschock die Konjunktur trifft – sondern welche Unternehmen ihn in Gewinn verwandeln.
Fünf Millionen Barrel weniger pro Tag
Die Rechnung ist simpel. Die Gunvor Group schätzt, dass die Hormus-Blockade dem Weltmarkt im kommenden Monat bis zu 5 Millionen Barrel täglich entzieht. WTI notiert bei über 96 Dollar. In den USA durchbrach der Benzinpreis erstmals seit fast vier Jahren die Marke von 4 Dollar pro Gallone.
Für Europa ist das Gift. Das GfK-Konsumklima für Mai beschleunigt seinen Abwärtstrend, Lieferketten bei Kerosin und Helium sind ohnehin gestört. Der DAX schloss am Montag nach einem orientierungslosen Handel mit einem Minus von 0,2 Prozent bei 24.084 Punkten. Die Gewinnerwartungen für den Index wurden für 2026 bereits von 15 auf 5 Prozent zusammengestrichen – und selbst diese Zahl steht unter Vorbehalt, sollte die EZB am Donnerstag den Ölpreisschock als dauerhaft einstufen.
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Nordex: 8,2 Prozent Marge, 10,5 Milliarden im Auftragsbestand
Wer verstehen will, warum die Rotation in die zweite Reihe mehr ist als ein taktisches Manöver, muss sich die Quartalszahlen von Nordex ansehen. Der Hamburger Windkraftanlagenbauer legte am Montag Ergebnisse vor, die den Markt kalt erwischten. Die Aktie sprang zeitweise um 15 Prozent auf über 51 Euro – den höchsten Stand seit 2002.
Die Zahlen im Detail: 1,59 Milliarden Euro Umsatz im ersten Quartal, ein Plus von 11 Prozent. Das operative Ergebnis (EBITDA) stieg um 64 Prozent auf 130,7 Millionen Euro. Entscheidend ist die Marge von 8,2 Prozent. In einer Branche, die jahrelang als Margengrab galt, ist das ein bemerkenswerter Wert. Nordex profitiert von Auftragsbüchern im Volumen von 10,5 Milliarden Euro und von einer Welt, in der jeder Dollar mehr für fossile Energie das Argument für Wind verstärkt. Jefferies hob das Kursziel auf 54 Euro an. Das Unternehmen wandelt sich vom Wachstumswert zum defensiven Basisinvestment.
Nucor und die Ökonomie des Protektionismus
Ganz anders gelagert, aber im Ergebnis ähnlich: die Lage der US-Stahlproduzenten. Am Montagabend nach US-Börsenschluss legt Nucor Quartalszahlen vor. Die Ausgangslage könnte kaum günstiger sein.
Warmgewalzter Stahl (HRC) hat in den USA im April erstmals seit über zwei Jahren die Marke von 1.000 Dollar pro Tonne durchbrochen. Trumps „Section 232″-Zölle von 50 Prozent auf Importstahl haben den Marktanteil ausländischer Anbieter drastisch gedrückt. Analysten erwarten für Nucor einen Gewinn von 2,82 Dollar pro Aktie – nach 1,73 Dollar im Vorquartal. Das Geschäftsmodell des Konzerns, der auf Elektrostahlwerke und Schrott als Rohstoff setzt, ist bei diesen Verkaufspreisen eine Cashflow-Maschine. Für europäische Stahlkocher, die ohne vergleichbaren Zollschutz gegen dieselben Energiekosten ankämpfen, ist das eine bittere Lektion über die Macht politischer Rahmenbedingungen.
Intel meldet sich zurück
Und dann ist da noch Intel. Nach den jüngsten Quartalszahlen legte die Aktie um rund 24 Prozent zu – der stärkste Kurssprung seit Jahren. 13,6 Milliarden Dollar Umsatz, 7 Prozent mehr als im Vorjahr, und ein Ausblick für das zweite Quartal, der deutlich über dem Konsens liegt. CEO Lip-Bu Tan scheint den Konzern tatsächlich auf einen profitablen Kurs gebracht zu haben. RBC und Jefferies hoben ihre Kursziele auf 80 Dollar an.
Die Botschaft für Anleger: Im Halbleitersektor gibt es abseits der überlaufenen KI-Lieblinge noch Unternehmen, deren Bewertung den Turnaround nicht eingepreist hat. Intel ist der prominenteste Fall, aber vermutlich nicht der einzige.
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Die Woche der Notenbanken
Am Mittwoch entscheidet die Fed über die Zinsen – vermutlich zum letzten Mal unter Jerome Powell. Am Donnerstag folgt die EZB. Beide Institutionen stehen vor demselben Dilemma: Energiepreise, die die Inflation treiben, während die Konjunktur bereits unter den Zinskosten ächzt. Eine Änderung der Leitzinsen (Fed: 3,50 bis 3,75 Prozent) erwartet der Markt nicht.
Entscheidend wird die Sprache sein. Wenn die Notenbanker den Ölpreisschock als vorübergehend einstufen, bleibt die Hoffnung auf Zinssenkungen im Herbst intakt. Stufen sie ihn als strukturell ein, werden die Märkte ihre Gewinnerwartungen erneut korrigieren müssen – nach unten.
Was bleibt als Fazit dieses Montags? Die Makrolage verschlechtert sich. Aber die Unternehmen, die aus eigener Kraft Cashflow generieren – ob mit Windturbinen, Elektrostahlwerken oder sanierten Chipfabriken –, haben sich vom Gesamtmarkt abgekoppelt. Die Rotation, die ich Ihnen am Wochenende beschrieb, ist kein abstraktes Konzept mehr. Sie hat Namen, Margen und Kursziele.
Herzlichst, Ihr Andreas Sommer


