Ein Rückruf wegen Türgriffen wirft heute einen Schatten auf eine Aktie, die eigentlich in einer Erholungsphase steckt. Berichten zufolge könnten sich die versenkbaren Türgriffe des Elektroautos SU7 bei Stromausfällen nicht ordnungsgemäß entriegeln lassen. Für mich ist das der Moment, an dem sich zeigt, wie fragil die Wachstumsgeschichte von Xiaomis Autosparte trotz aller Erfolge noch ist.
Der Kurs gibt heute rund 2,6 Prozent auf 3,08 Euro nach, nachdem er am Freitag noch bei 3,16 Euro geschlossen hatte. Das relativiert sich allerdings schnell: Auf Wochensicht steht immer noch ein Plus von 7,9 Prozent zu Buche, getragen von den vor gut einer Woche vorgelegten Quartalszahlen.
Wer nur auf den Tagescharts schaut, übersieht die eigentliche Dynamik dieser Aktie – sie bewegt sich seit Monaten in heftigen Ausschlägen, ohne die Verluste des Jahres wettzumachen. Seit Jahresbeginn steht Xiaomi mit 29 Prozent im Minus, auf Zwölfmonatssicht sogar mit 47 Prozent.
Der Türgriff ist ein Symptom, nicht die Ursache
Man kann trefflich streiten, ob ein Rückruf wegen eines Sicherheitsmerkmals an Türgriffen eine Kernkrise oder nur ein handwerkliches Problem ist. Für mich zählt hier vor allem das Timing.
Xiaomi befindet sich mitten in der heikelsten Phase seines Autogeschäfts: Der Konzern hat gerade erst die Marke von 500.000 ausgelieferten SU7-Einheiten seit dem Marktstart überschritten – nach eigenen Angaben rund 28,5 Monate nach Produktionsbeginn. Ein Sicherheitsthema in dieser Phase trifft empfindlich, weil Vertrauen bei einem Autohersteller die eigentliche Währung ist.
Bemerkenswert ist zugleich, wie hart der Wettbewerb in China inzwischen geworden ist. Der SU7 verkaufte sich im Juli mit gut 21.000 Einheiten zwar weiterhin stark, landete in der Rangliste der Limousinen-Verkäufe aber nur auf Platz vier – hinter dem Geely Xingyuan, dem Leapmotor A10 und dem Tesla Model Y. Wer glaubt, Xiaomi habe sich mit dem SU7 dauerhaft an die Spitze gesetzt, irrt: Das Segment ist ein Haifischbecken, in dem sich die Reihenfolge monatlich verschiebt.
Bezeichnend bleibt trotzdem der Vergleich mit etablierten Premiumherstellern: Im ersten Halbjahr verkaufte Xiaomi über 80.000 SU7-Einheiten in China, während Porsche mit dem Taycan im selben Zeitraum nur auf rund 6.200 Fahrzeuge kam.
Das Kerngeschäft trägt, die Zukunft kostet
Die vor gut einer Woche vorgelegten Quartalszahlen zeigen genau dieses Spannungsfeld. Der Umsatz sank im Jahresvergleich um 6,1 Prozent auf 108,92 Milliarden Yuan, der Nettogewinn brach um 20,3 Prozent auf 9,46 Milliarden Yuan ein.
Belastet wurde das Ergebnis vor allem durch hohe Investitionen in KI-Infrastruktur und den Ausbau der Elektroautosparte. Das ist aus meiner Sicht kein Alarmsignal, sondern der Preis für Wachstum in zwei kapitalintensiven Zukunftsfeldern gleichzeitig.
Morgan Stanley betonte vor gut einer Woche nach Vorlage der Zahlen die Widerstandsfähigkeit und das Margenpotenzial des Smartphone-Kerngeschäfts. Diese Einschätzung halte ich für den eigentlichen Anker der Investmentstory: Solange das Smartphonegeschäft stabile Cashflows liefert, kann Xiaomi sich die teure Expansion bei Elektroautos leisten – vorausgesetzt, es passieren keine weiteren Rückschläge wie der aktuelle Türgriff-Vorfall.
Charttechnisch notiert die Aktie mit 3,08 Euro leicht über dem 50-Tage-Durchschnitt von 2,90 Euro, aber weiterhin 14 Prozent unter dem 200-Tage-Durchschnitt von 3,59 Euro. Das signalisiert für mich eine Aktie im Findungsprozess: kurzfristig erholt, mittelfristig noch nicht überzeugend.
Mein Fazit
Der Rückruf ist ärgerlich, aber wohl kein Wendepunkt. Entscheidender bleibt, ob Xiaomi das Vertrauen der Kunden in seine Autosparte schneller aufbaut, als die Konkurrenz Marktanteile abgräbt. Die Smartphone-Sparte gibt dem Konzern dafür Zeit – die Frage ist, ob das Management sie klug nutzt.
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