Die IRON-Roboterfabrik ist angelaufen, die Schlagzeilen sind geschrieben – doch an der Börse zählt gerade etwas anderes. Für mich ist die eigentliche Geschichte bei XPeng derzeit nicht die Robotik, sondern das nüchterne Verhältnis zwischen Wachstum, Marge und Wettbewerbsdruck im Kerngeschäft. Und dieses Verhältnis wirkt fragiler, als es die Dauerfeuer-Kaufempfehlungen chinesischer Broker vermuten lassen.
Solide Lieferzahlen, verhaltener Ausblick
Im August lieferte XPeng 39.107 Fahrzeuge aus, ein Plus von 4 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Das klingt nach Wachstum, ist im Kontext der eigenen Ziele aber eher mager.
Für das dritte Quartal 2026 hat das Unternehmen eine Spanne von 115.000 bis 121.000 Auslieferungen ausgegeben – umgerechnet im Schnitt etwa 38.500 bis 41.500 Fahrzeuge pro Monat. Das liegt spürbar unter der Dynamik, die Anleger nach den starken Vorquartalen erwartet hatten.
Genau an diesem Punkt setzte im August auch die kritische Stimme von Barclays an: Die Bank senkte ihr Kursziel auf 14,00 US-Dollar und beließ die Einstufung bei Underweight, mit expliziten Zweifeln an der Wachstumsdynamik im dritten Quartal.
Bemerkenswert ist, dass selbst die optimistischeren Häuser diese Skepsis teilweise übernommen haben, ohne ihre grundsätzlich positive Haltung aufzugeben.
Citi etwa bestätigte im August die Kaufempfehlung, senkte aber das Kursziel von 22,50 auf 21,40 US-Dollar und begründete dies mit dem Volumen-Fehlschlag im Ausblick – gleichzeitig aber mit der Erwartung, dass die monatlichen Verkäufe im vierten Quartal die Marke von 60.000 Einheiten übersteigen könnten.
Auch Freedom Broker reduzierte sein Kursziel, von 25 auf 22 US-Dollar, verwies auf Ergebnisse unterhalb der Erwartungen und eine sich verschärfende Preiskonkurrenz in China – lobte aber zugleich die Widerstandsfähigkeit der Bruttomarge.
Die Marge ist der eigentliche Lichtblick
Und diese Marge verdient tatsächlich Beachtung. Im zweiten Quartal 2026 erzielte XPeng einen Umsatz von 19,74 Milliarden Renminbi bei einer Bruttomarge von 20,7 Prozent.
Über die letzten zwölf Monate lag die Marge laut Freedom Broker bei rund 20,85 Prozent, während der Umsatz im ersten Halbjahr um 25 Prozent zulegte. Das ist, unter dem Strich betrachtet, keine schwache Leistung für einen chinesischen E-Auto-Hersteller in einem brutalen Preiskampf.
Die Auslandsgeschäfte wachsen dabei überproportional: Mehr als 20.000 Fahrzeuge gingen im ersten Halbjahr ins Ausland, ein Plus von 81 Prozent, und trugen bereits ein Viertel zum Halbjahresumsatz bei.
Genau hier liegt für mich der Kern der Investment-These: XPeng verlagert sein Wachstum bewusst weg vom überhitzten chinesischen Heimatmarkt hin zu margenstärkeren Auslandsmärkten – inklusive der bevorstehenden Einführung in den Philippinen und der geplanten Auslandsauslieferungen des Mona L03 ab dem vierten Quartal. Das ist strategisch klug, braucht aber Zeit, um sich in den Gesamtzahlen niederzuschlagen.
Robotik als Fantasie, nicht als Fundament
Die Robotik-Sparte, die im August 900 Millionen US-Dollar bei einer Bewertung von 6,3 Milliarden US-Dollar einsammelte, ist unbestreitbar beeindruckend – die größte Einzelfinanzierung der chinesischen Embodied-AI-Branche.
Doch ich warne davor, sie als Kurstreiber für das laufende Geschäftsjahr zu überschätzen. Die Massenproduktion des IRON-Roboters ist erst für Jahresende angepeilt, kommerzielle Auslieferungen sollen erst 2027 folgen. Das ist eine Option auf die Zukunft, kein Ersatz für belastbare Fahrzeugmargen heute.
Der Aktienkurs hat diese Gemengelage längst eingepreist: Mit einem Schlusskurs von 8,94 Euro notiert das Papier nur knapp über seinem 52-Wochen-Tief und mehr als 60 Prozent unter dem Hoch vom November. Ein RSI von 31 signalisiert überverkauftes Terrain – technisch also durchaus Erholungspotenzial, fundamental aber noch keine Entwarnung.
Mein Fazit
Die schiere Zahl an Kaufempfehlungen chinesischer und internationaler Broker im August wirkt auf mich wie ein Herdentrieb, der die kurzfristigen Lieferprobleme ausblendet. Für mich überwiegen mittelfristig die Argumente für XPeng – die Margenstabilität, das Auslandswachstum und die Rekord-Auftragseingänge sprechen dafür.
Doch die Robotik-Story darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass das vierte Quartal mit der 60.000er-Zielmarke zur eigentlichen Bewährungsprobe wird. Bis dahin bleibt die Aktie, was sie ist: eine Wette auf Ausführung, nicht auf Vision.
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