Es gibt Aktien, bei denen sich zwei Geschichten gleichzeitig erzählen lassen, und selten klaffen sie so weit auseinander wie bei XPeng. Da ist die Vision vom humanoiden Roboter, der gerade erst vom Band gelaufen ist. Und da ist der Kurszettel, der von einem harten Jahr erzählt: minus 50 Prozent seit Jahresbeginn, minus 48 Prozent binnen zwölf Monaten.

Wer nur auf die Zahlen schaut, sieht eine Aktie im Abwärtstrend. Wer nur auf die Ankündigungen schaut, sieht ein Unternehmen, das sich neu erfindet. Beides ist wahr, und genau das macht XPeng gerade so schwer zu lesen.

Ein Autobauer will mehr sein als ein Autobauer

Die Fahrzeugzahlen für sich genommen sind solide, nicht spektakulär: 39.107 Auslieferungen im August, ein Plus von 4 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat. Mitte August war der G9L gestartet, der Vorverkauf in Festlandchina läuft.

Parallel meldete XPeng, dass die zwischen Januar und August ausgelieferten Elektrofahrzeuge über ihre Lebensdauer mehr als 3,72 Millionen Tonnen CO2 gegenüber Verbrennern einsparen sollen – eine Zahl, die vor allem als Nachhaltigkeitsargument im Heimatmarkt zählt, weniger als Kurstreiber.

Spannender für die Anleger ist, wohin sich das Unternehmen bewegt. Anfang September erhielt XPeng die Genehmigung, sein Robotaxi der zweiten VLA-Generation auf ausgewiesenen Straßen in Guangzhou ohne Sicherheitsfahrer zu testen.

Mehr als 2.000 interne Testfahrten sind demnach bereits gelaufen, das Ziel: ein vollständig fahrerloser Passagierbetrieb im Jahr 2027. Dazu kommt die internationale Expansion – in Brunei wurde Inchcape als autorisierter Vertriebspartner benannt, für Australien und Neuseeland ist ein Marktplan mit fünf neuen Modellen und 50 Verkaufsstellen skizziert, fortschrittliches assistiertes Fahren soll dort ab 2027 folgen.

Der Roboter, der schon abgehandelt ist – und was danach kommt

Die Produktionslinie für den humanoiden Roboter IRON, die am vergangenen Mittwoch in Guangzhou eröffnet wurde, ist als Nachricht längst verarbeitet, ebenso die Kapitalrunde für die Robotik-Sparte vor gut drei Wochen, seither steht die Aktie 4,7 Prozent tiefer.

Wer daraus schließt, das Thema sei durch, irrt aber in der Konsequenz: XPeng zielt weiterhin auf Massenproduktion bis Ende 2026 und kommerzielle Auslieferungen 2027, und genau diese Terminkette bleibt der eigentliche Prüfstein.

Die Roboter sollen zunächst in eigenen Stores und Industrieparks eingesetzt werden, bevor ein breiterer Rollout folgt – ein vorsichtiger, kontrollierter Einstieg, der eher nach Testfeld als nach Produktlaunch klingt.

Genau hier zeigt sich das Grundproblem der Aktie: Der Markt muss der Story vertrauen, obwohl die harten Beweise – nennenswerte Stückzahlen, belastbare Umsätze aus der Robotik – noch fehlen.

UBS begann Anfang September die Coverage mit einem neutralen Rating und einem Kursziel von 47 Hongkong-Dollar und verwies dabei ausdrücklich auf den Robotik-Wert als Bewertungsfaktor. Das ist bemerkenswert, weil es zeigt: Selbst Analysten, die IRON als Werttreiber anerkennen, bleiben bei der Gesamteinschätzung zurückhaltend.

Was der Kurs gerade widerspiegelt

Die Marktdaten liefern dazu ein nüchternes Bild. Der Kurs notiert mit 9,10 Euro nur noch 2,4 Prozent über dem 52-Wochen-Tief, während er vom 52-Wochen-Hoch bei 24,40 Euro rund 63 Prozent entfernt ist – ein Abstand, der die Dimension der Korrektur seit November deutlich macht. Auch zum 200-Tage-Durchschnitt liegt die Aktie 35 Prozent zurück, ein Zeichen dafür, dass der mittelfristige Trend weiterhin nach unten zeigt.

Ist das nun der Moment, in dem sich Zukunftsversprechen und Kursrealität endlich annähern, oder driften sie noch weiter auseinander? Die kommenden Monate werden zeigen, ob IRON tatsächlich in Serie geht und ob das Robotaxi-Projekt den Sprung vom Testfeld auf die Straße schafft. Bis dahin bleibt XPeng ein Unternehmen, das mutiger in die Zukunft blickt, als es der Kurszettel derzeit honoriert.