Der Iran-Krieg hat die globale Geldpolitik in einen Ausnahmezustand versetzt. Binnen weniger Tage haben fast alle großen Zentralbanken der Industrieländer ihre Zinsen unverändert gelassen – doch hinter dieser scheinbaren Ruhe brodelt es gewaltig. Denn während die Notenbanker offiziell auf Sicht fahren, preisen die Finanzmärkte längst das nächste Kapitel ein: steigende Leitzinsen.
Einheitliche Botschaft, unterschiedliche Risiken
Die Gemeinsamkeit war kaum zu übersehen. Fed, EZB, Bank of England, Bank of Japan, Bank of Canada, Schwedische Reichsbank und Schweizerische Nationalbank – alle hielten diese Woche die Zinsen stabil. Und alle sandten nahezu identische Signale: Wir beobachten, wir sind bereit zu handeln, wir tolerieren keine neue Inflationswelle.
Die Ursache dieser koordinierten Vorsicht liegt auf der Hand. Seit dem Beginn der US-israelischen Angriffe auf den Iran Ende Februar sind die Ölpreise um mehr als 40 Prozent gestiegen. Brent-Rohöl notierte zeitweise über 115 Dollar je Barrel, US-Normalbenzin kostet inzwischen durchschnittlich 3,88 Dollar pro Gallone. Die Schließung der Straße von Hormuz trifft besonders energieabhängige Volkswirtschaften hart – allen voran Europa.
Die Europäische Zentralbank formulierte es ungewohnt direkt: Der Krieg im Nahen Osten werde „einen wesentlichen Einfluss auf die kurzfristige Inflation durch höhere Energiepreise haben“. Gleichzeitig hob die EZB ihre Inflationsprognose für 2026 auf 2,6 Prozent an – bei einem Wachstumsausblick von mageren 0,9 Prozent. Die Kombination aus steigenden Preisen und schwachem Wachstum ist der klassische Albtraum jeder Zentralbank.
Das Trauma von 2022 sitzt tief
Was die aktuelle Lage von früheren Energieschocks unterscheidet, ist die kollektive Erinnerung der Notenbanker. Nach Russlands Einmarsch in die Ukraine 2022 bezeichneten viele Zentralbanken die Inflation zunächst als vorübergehend – und lagen damit spektakulär falsch. Die Folge war eine der aggressivsten Zinserhöhungszyklen der modernen Geschichte.
Diesen Fehler will niemand wiederholen. HSBC-Ökonom Fabio Balboni bringt es auf den Punkt: „Die Erfahrung der Energiekrise von 2022 könnte die EZB dazu veranlassen, schneller zu handeln, wenn der Energiedruck anhält.“ EZB-Direktorin Isabel Schnabel, bekannte Inflationsgegnerin im Rat, spricht von den „Narben“, die diese Episode bei Haushalten und Unternehmen hinterlassen hat.
Die Märkte haben diese Psychologie bereits eingepreist. Händler rechnen mit zwei bis drei Zinserhöhungen der EZB bis Jahresende – obwohl die meisten Volkswirte noch keine Änderung erwarten. Ähnlich das Bild in Großbritannien: Die Bank of England stimmte einstimmig für eine Pause, doch Investoren wetten auf mindestens zwei Viertelpunkterhöhungen. Das MPC-Mitglied Catherine Mann sprach offen davon, dass die Notenbank „eine Erhöhung zu irgendeinem Zeitpunkt“ erwägen müsse.
Fed in der Klemme
Auch die US-Notenbank steckt in einem Dilemma. Zwar hält sie den Leitzins stabil in der Spanne von 3,50 bis 3,75 Prozent und projiziert nach wie vor eine einzige Zinssenkung im laufenden Jahr. Doch Fed-Chef Jerome Powell warnte, diese Prognose sei angesichts der Unsicherheit „mit Vorsicht zu genießen“. Er räumte ein, die Fed könne den Energiepreisschock möglicherweise nicht als vorübergehend ignorieren.
Die Folgen für den Arbeitsmarkt sind bereits spürbar. Zwar sanken die wöchentlichen Erstanträge auf Arbeitslosenunterstützung überraschend auf 205.000 – ein Zeichen relativer Stabilität. Doch Powell beschrieb eine Wirtschaft mit „quasi null Beschäftigungswachstum“, die sich in einem unbehaglichen Gleichgewicht befinde. Im Februar wurden bereits 92.000 Stellen abgebaut.
Großbanken wie Morgan Stanley, Goldman Sachs und Barclays haben ihre Erwartungen für eine erste Zinssenkung bereits auf September verschoben. Terminmärkte sehen eine echte Lockerung gar erst Mitte 2027 – wenn überhaupt. Investoren sehen derzeit sogar eine annähernd gleich hohe Wahrscheinlichkeit für eine Zinserhöhung wie für eine Zinssenkung bis Jahresende.
Währungsmärkte spiegeln die Nervosität wider
An den Devisenmärkten entlud sich die Spannung in deutlichen Bewegungen. Der Euro legte gegenüber dem Dollar um 0,63 Prozent auf 1,1523 Dollar zu, der Japanische Yen gewann ein Prozent. Das Pfund Sterling stieg um 0,82 Prozent – getrieben von der Erwartung, dass die Bank of England hawkisher reagieren wird als andere.
Der US-Dollar-Index gab um 0,55 Prozent nach, bleibt aber nahe einem 10-Monats-Hoch. Steve Englander von Standard Chartered fasst die Marktstimmung treffend zusammen: „Jeder Zentralbanker der Welt schaut gerade auf die Inflationseffekte und fragt sich: Wie viel Glaubwürdigkeit habe ich?“ Eine Frage, die in Washington ebenso drückt wie in Frankfurt oder London.
Was kommt als Nächstes?
Die entscheidende Unbekannte bleibt die Dauer und Intensität des Konflikts. Ökonomen der Barclays Bank rechnen vor, dass die EZB bei einem stabilen Brent-Preis von rund 100 Dollar je Barrel und Gaspreisen von etwa 70 Euro pro Megawattstunde zu Zinserhöhungen übergehen würde – beide Schwellen liegen erschreckend nah an den aktuellen Notierungen.
Zusätzlich droht fiskalpolitischer Gegenwind: Europäische Staatsanleihemärkte preisen höhere Staatsausgaben für Militär und Infrastruktur ein, was die Anleiherenditen bereits nach oben treibt – und damit die Kreditkosten für Unternehmen und Haushalte steigen lässt, noch bevor irgendeine Zentralbank die Zinsen offiziell angehoben hat.
Das Zeitfenster für Zinssenkungen schließt sich weltweit. Australien hat bereits zweimal in Folge erhöht. Norwegen, Neuseeland und Kanada signalisieren Bereitschaft zum Handeln. Die große Frage ist nicht mehr ob, sondern wann die anderen folgen müssen.


